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Gespräch mit Mervyn King : „Der Brexit bietet Chancen für alle“

Fragen wir den ehemaligen Notenbanker: Könnte so betrachtet nicht auch ein anderes umstrittenes Projekt am Ende doch noch ein Erfolg werden – der Euro?

Sie haben zur Recht gesagt, ich sei Optimist. Aber ich habe Zweifel daran, dass die Währungsunion Bestand haben wird, wenn man nicht ein paar grundlegende Dinge ändert. Bevor ich Chef der Bank of England wurde, war ich viele Jahre ihr Chefvolkswirt und habe darum die Debatte um die Euroeinführung aus nächster Nähe verfolgt. Wir mussten uns damals aus politischen Gründen mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Aber in der Führung der Bank of England waren wir uns einig: Sollte jemals eine britische Regierung auf die Idee kommen, sich der Eurozone anzuschließen, hätten wir ihr sogleich öffentlich die immensen Nachteile erklärt, die damit verbunden sind.

Was stört Sie besonders?

Die Einführung des Euros im Jahr 1999 war ein Eliteprojekt. Man hat die Menschen nie gefragt, ob sie den Euro haben wollten, man hat ihn einfach eingeführt. Das erinnert an Diktaturen und ist der europäischen Demokratien nicht würdig.

Ein hartes Wort.

Ja, aber so ist es leider. Die Entscheidung für den Euro war unverantwortlich. Man hatte zu viel politischen Ehrgeiz und glaubte, man könne über die Währungsunion auch eine bessere Zusammenarbeit in anderen Politikbereichen forcieren. Nun schauen Sie nur, was daraus geworden ist: Die Länder Europas misstrauen sich, es kommt ständig zu Spannungen. Wären wir die Sache langsamer angegangen und ohne Währungsunion: Wer weiß, was sich noch alles Positives entwickelt hätte.

Wie beurteilen Sie die Rolle Deutschlands in der Währungsunion?

Ich finde, dass mitunter ein wenig unfair mit den Deutschen umgegangen wird. Ihr Land hat ein unglaubliches Opfer gebracht, ohne das die Währungsunion niemals möglich gewesen wäre. Man hat die D-Mark, ein Symbol für ökonomische Stabilität, aufgegeben, um diese Stabilität in Form des Euros nach ganz Europa zu transportieren. Das wird oft vergessen. Bis heute spielt Deutschland die zentrale Rolle in der Währungsunion. Ohne die Bundesrepublik könnte der Euro nicht weiterbestehen.

Was soll die Bundesregierung da tun?

Es steht mir nicht zu, Ratschläge zu erteilen. Aber ich kann Wege aufzeigen, wobei ich gleich dazusagen muss: Keiner dieser Wege ist angenehm. Der erste Weg wäre, dass man darauf besteht, dass die Länder Südeuropas weiter darum kämpfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen. Dies geht aber noch immer mit der Last der Massenarbeitslosigkeit einher, die sich in Frust und antieuropäischen Kampagnen entlädt. Ein riskanter Weg. Der zweite Weg wäre, dass sich Deutschland offen dafür entscheidet, Transferzahlungen an Südeuropa zu leisten. Als Größenordnung wären zum Beispiel fünf Prozent der Wirtschaftsleistung möglich.

Sie glauben ernsthaft, die Deutschen würden das mitmachen?

Das Problem dieses Weges ist: Die Europäischen Verträge sehen so etwas nicht vor – im Gegenteil. Sie erhalten ein explizites Bailout-Verbot. Selbst wenn die Deutschen sich davon freimachen würden, was schwer vorstellbar ist, müssten sie den Empfängerländern bestimmte Bedingungen stellen. Nur so ließe sich sicherstellen, dass die Deutschen nicht immer mehr zahlen müssen. Was zum nächsten Problem führt: Darüber käme es mit Sicherheit zu heftigsten politischen Auseinandersetzungen.

Gibt es noch eine weitere Möglichkeit?

Ja, die aus meiner Sicht einfachste Option wäre es, die Eurozone aufzulösen. Jeder könnte erst einmal getrennte Wege gehen – allerdings mit dem Versprechen, es wieder zu versuchen, sobald die Länder sich wirtschaftlich wirklich angeglichen haben.

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