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Gastbeitrag zum Brexit : Wir haben die Pflicht, Europa zu retten

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Eine britische, eine europäische und eine deutsche Flagge wehen traut Seit‘ an Seit‘. Bild: dpa

Die Brexit-Befürworter verbreiten in den Köpfen der Menschen eine Unsicherheit, die so dick ist, wie der Nebel auf dem Kanal. Die Lehren der Geschichte sind jedoch ganz klar: Wir müssen in der EU bleiben. Ein Gastbeitrag.

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          Es gibt den Mythos, dass die „Times“ einmal einen Artikel mit dem Satz überschrieb: „Dichter Nebel auf dem Kanal: Kontinent für drei Tage abgeschnitten“. In Wirklichkeit war das immer ein Witz – „genau die Art von Geschichte die von Engländern erfunden wurde und von Engländern erzählt wird, um andere Engländer zu amüsieren“, um einen Leserbrief aus der „Times“ vom 3. November 1939 zu zitieren.

          Der Grund, warum dieser Witz zu einem „Fakt“ wurde, ist, dass er von der Nazi-Propaganda zitiert wurde, als Beweis für die unerträgliche englische Arroganz und „den absurden Glauben der kleinen Insel an die eigene Größe, dass der Kontinent von ihr abgeschnitten sein könnte“.

          Der Karikaturist David Low drehte das Ganze um. Im April 1943 zeichnete er „Nebel im Kanal“. Feldmarschall Gerd von Rundstedt blickt darin in eine dichte Nebelbank auf dem Kanal, weil er zu erkennen versucht, ob eine Invasion des von den Deutschen besetzen Westeuropas unmittelbar bevorsteht.

          In diesen Tagen ist „Nebel auf dem Kanal: Kontinent abgeschnitten“ wieder zu einem Witz geworden – auf Kosten derer, die meinen, dass das Vereinigte Königreich „Besser draußen“ wäre aus der Europäischen Union. Nicht viele historisch gebildete Menschen glauben das, bedenkt man wie einfach es war, 300 der führenden Historiker Großbritanniens zur Unterschrift unter einen offenen Brief zu bewegen, der gegen den Brexit gerichtet ist. Es gibt natürlich auch einige Historiker auf der anderen Seite, darunter meine alten Freunde Andrew Roberts, Alan Sked und David Starkey. Aber ich bin zuversichtlich, dass, falls nur Historiker am Donnerstag abstimmen würden, das Ergebnis ein sehr deutliches „bleiben“ sein würde.

          Geschichte hilft, die Gegenwart zu verstehen

          Ende Mai gab es eine Versammlung von rund 70 Historikern in der Downing Street 11, die ihre Unterstützung einer EU-Mitgliedschaft bekräftigten. Meine Anwesenheit war für einige wahrscheinlich eine Überraschung. In den neunziger Jahren war ich noch dagegen, das Pfund unter dem Wechselkursmechanismus an die Deutsche Mark zu koppeln. (Das war die Zeit, als Nigel Lawson [konservativer Schatzkanzler unter Margaret Thatcher und Befürworter eines Brexits, Anm. d. Red.] europhil war — oder eine „Federast“, wie Noel Malcolm [britischer Journalist, Anm. d. Red.] gerne sagte.) Später war ich gegen eine britische Mitgliedschaft in der Wirtschafts- und Währungsunion. Doch heute argumentiere ich auf der gleichen Grundlage wie damals für eine weitere Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU: aus der Sicht der angewandten Geschichte.

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          “Pah!“, höre ich Sie schon sagen. Was wissen eine paar in Tweed gekleidete staubtrockene Historiker schon? Nun, lassen Sie mich Sie an den großen Oxforder Philosophen der Geschichte und Archäologen des römischen Britanniens R.G. Collingwood verweisen. Es war Collingwood, der mir den Unterschied zwischen echter Geschichtswissenschaft und der „Schere und Klebe“-Variante klargemachte. Und es war Collingwood, der mich lehrte, dass es Aufgabe des Historikers ist, vergangene Gedanken neu zu denken, um die Gegenwart besser zu verstehen.

          „Historische Probleme erwachsen aus praktischen Problemen“, schrieb Collingwood in seiner Autobiographie. „Wir studieren Geschichte, um die Situation besser zu verstehen, in der wir handeln sollen.“ Das Buch ist 1939 erschienen, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Es endet in einer scharfen Attacke auf die Appeasement-Politik, die vorgab, dass die Tschechoslowakei (und Spanien nicht zu vergessen) Länder sind, die weit weg sind und von denen wir nichts wissen.

          Die EU ist kein „Superstaat“

          Würde Collingwood heute noch leben, würde er bestimmt die Argumente der Brexits-Befürworter als klassische „Schere und Klebe“-Geschichtsschreibung entlarven, zusammengesetzt aus Ausschnitten aus Henrietta Marshalls „Our Island History“ (Ein Geschichtsbuch für Kinder, Anm. d. Red.), mit einer frohen Missachtung der modernen Wissenschaft.

          Die Brexit-Befürworter beschwören gerne Visionen eines europäischen Superstaats herauf, der Erbe (Boris Johnson zufolge) der scheußlichen Reiche von Napoleon und Hitler. Alan Milward (britischer Wirtschaftshistoriker, Anm. d. Red.) vertrat jedoch die Ansicht, dass es bei der europäischen Einigung nach 1945 vielmehr um „die Rettung des Nationalstaats“ ging. Damit hatte er recht. Die EU ist weit entfernt davon, ein mächtiger „Superstaat“ zu sein. Ihre eigentliche Funktion ist die Durchsetzung der vielen Regeln gegen Zollbarrieren, die sicherstellen, dass es wirklich ein gemeinsamer Markt ist. Und welche Regierung hat in den Achtzigern darauf gedrängt, diesen gemeinsamen Markt zu schaffen? Es war die britische Regierung unter einer gewissen Margaret Thatcher.

          In den Neunzigern waren die Utopisten die Pro-Europäer, mit ihren Vorstellungen von Föderalismus. Heute, im Gegensatz dazu, sind die Austritts-Befürworter die Utopisten. Für uns Angloskeptiker liegt die Lehre der britischen Geschichte vor allem darin, dass britischer Isolationismus oft mit europäischem Zerfall zusammenfiel. Der Premierminister wurde nicht ernst genug genommen, als er in seiner Rede am 9. Mai fragte: „Können wir sicher sein, dass Friede und Stabilität auf unserem Kontinent ohne jeglichen Zweifel gesichert sind?“ Sein Argument war, dass die Geschichte uns davon abhalten sollte, die Stabilität auf dem europäischen Kontinent zu überschätzen.

          Trump und Johnson sind Doppelgänger

          Man hätte denken können, dass die russische Invasion in der Ukraine und die Annexion der Krim vor zwei Jahren als ausreichende Mahnung diesbezüglich gedient hätten, ganz zu schweigen von der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen in Europa im vergangenen Jahr und dem Fakt, dass der „Islamische Staat“ in unserem Land genauso rekrutiert wie in den Ländern auf der anderen Seite des Kanals. Der Ton der „Leave“-Kampagne ist trotzdem beharrlich engstirnig. Wenn sie gezwungen werden, Stellung zu den Sicherheitsimplikationen ihrer Vorschläge zu nehmen, bestehen die Brexit-Befürworter darauf, dass die EU im besten Falle irrelevant ist und die Nato die Schlüsselinstitution.

          Als der Präsident der Vereinigten Staaten, der die Allianz anführt, sich gegen den Brexit aussprach, hat Boris Johnson das beschämenderweise auf die Anglophobie von dessen kenianischem Vater zurückgeführt. Dabei befürworteten die amerikanischen Regierungen seit den Tagen von Henry Kissinger immer eine EU-Mitgliedschaft Großbritanniens. Und es sollte kaum Genugtuung für Johnson sein, dass Donald Trump, sein amerikanischer Doppelgänger, für einen Brexit ist, denn Trump sagt, dass die Nato seiner Meinung nach obsolet ist.

          Wie der „Nebel im Kanal“ ist auch die „splendid Isolation“ eine Phrase, die aus dem Kontext gerissen wurde. Der Begriff wurde 1896 das erste Mal genutzt, in einer Zeit der wachsenden internationalen Verurteilung mit der britischen Politik in Südafrika. Wie Andrew Roberts (britischer Historiker, Anm. d. Red.) zeigte, hat Premierminister Salisbury ihn gemieden. Denn die britische Außenpolitik zu der Zeit war weder „herrlich“ noch „isoliert“. Wie Roberts sagte: „Weit davon entfernt, keine Verbindungen zu Europa zu haben ... war Großbritannien dort stark involviert.“

          Es herrscht Unsicherheit

          Das stimmt heute noch mehr als vor 120 Jahren. Außerdem können wir heute mit dem Kontinent verbunden sein, ohne vor die verteufelte Wahl gestellt zu sein, der sich die Außenpolitik von Salisbury stellen musste; Frankreich oder Deutschland? Niemand kann ernsthaft in Zweifel ziehen, dass die europäische Integration dem Jahrhunderte alten deutsch-französischen Konflikt ein Ende bereitet hat und die deutsche Frage für immer gelöst ist. Gibt es irgendjemanden der behauptet, dass Europa ohne die europäische Integration stabiler wäre? Falls nicht, dann haben wir die Verpflichtung, die EU vor der Auflösung zu bewahren.

          Die Lehre der Geschichte ist klar. Die Europäische Union ist, um Churchill zu paraphrasieren, der schlechteste aller Wege, Europa Prosperität und Frieden zu bringen – abgesehen von all den anderen, die von Zeit zu Zeit versucht wurden.

          Niall Ferguson ist ein Harvard lehrender britischer Historiker.

          Bis zum 23. Juni – solange wie die Brexit-Kampagne Unsicherheit in den Köpfen der Menschen erzeugt – befürchte ich, wird Nebel auf dem Kanal herrschen. Aber es ist nicht der Kontinent der abgeschnitten sein wird und es gibt nichts herrliches an der Isolation, die wir riskieren, wenn wir die Lehren der Geschichte ignorieren.

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