https://www.faz.net/-icu-9w1k7
Bildbeschreibung einblenden

Trauermarsch der Remainer : „Hier spielt sich eine Tragödie ab“

EU-Befürworter am Freitag in London Bild: AFP

Die Brexiteers feiern in London vor dem Parlament. Remainer ziehen in einem Trauermarsch durch die Stadt. Doch auch unter ihnen gibt es Optimisten.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Der Brexit ist nur noch wenige Stunden entfernt und es wirkt, als entlade sich jetzt all die Anspannung, die sich seit dem Brexit-Referendum vor dreieinhalb Jahren zwischen den Fronten angestaut hat. Wo die Lager aufeinandertreffen, kommt es in kürzester Zeit zu harschen Wortgefechten und Beleidigungen. Besonders deutlich wird dies am Parliament Square im Zentrum Londons, wo bereits am Nachmittag in Unionsflaggen gehüllte Brexiteers Bierdosen schwingend auf die große, von Nigel Farage angekündigte Brexit-Party am Abend warten. Um ein Aufeinandertreffen der Demonstrationen zu vermeiden, wurde die Pro-EU-„Prozession“ von der Downing Street zur Londoner EU-Vertretung auf den Nachmittag verlegt.

          Hohn und Freudentaumel der Brexiteers stehen in krassem Gegensatz zu der Betroffenheit der EU-Befürworter. In vielen Städten finden Trauermärsche statt, unter dem Motto „Keep A Light On“ treffen sich EU-Freunde zu Kerzenmahnwachen. „Ich bin so traurig, hier spielt sich eine Tragödie ab. Die Brexiteers, die heute hier sind, geben das abscheulichste Bild der britischen Gesellschaft ab. Der Brexit erteilt all den Nationalisten und Rassisten die Legitimation, ihre Hassbotschaften zu verbreiten.“, sagt Madeleina Kay, eine 25 Jahre alte Frau aus Sheffield.

          Unter den EU-Demonstranten sticht sie mit ihren blau gefärbten Haaren und dem weiten blau glitzernden Umhang hervor. Nach dem Referendum hatte sie sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen für den Verbleib Großbritanniens in der EU zu mobilisieren. Dazu hatte sie ihren eigenen Superheldencharakter kreiert: Als „EUSuperGirl“ tourte sie durch Europa und sprach zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

          Doch wofür soll man die Jugend jetzt noch mobilisieren, da der Brexit nicht mehr umkehrbar ist? Laut Louise, die mit ihrer Pro-EU-Gruppe aus dem Nordosten Englands angereist ist, machen sich die „Remainer“ bereits startklar für eine „Rejoin“-Kampagne, also einen Wiedereintritt der Briten in die EU. „Vergangenen Samstag haben sich alle lokalen EU-Gruppierungen hier in London versammelt, um die nächsten Schritte zu planen. Die Stimmung war sehr positiv.“

          Zunächst einmal ginge es darum, die Regierung unter Boris Johnson zur Verantwortung zu ziehen. „Die Regierung hat uns all diese großartigen Dinge versprochen, die der Brexit bringen werde, wie zum Beispiel mehr Geld für das Gesundheitssystem. Darauf müssen wir pochen, auch wenn wir bereits wissen, dass sie diese Versprechen nicht erfüllen werden.“ Sie glaubt fest daran, dass das Königreich und die EU wieder zusammenfinden werden. „Die jungen Leute werden diesen Verlust an Freiheiten niemals akzeptieren.“ Es sei daher nur eine Frage der Zeit bis Großbritannien sich der EU wieder anschließe.

          Das „EUSuperGirl“ am Freitag in London
          Das „EUSuperGirl“ am Freitag in London : Bild: AFP

          Optimistisch ist auch die Stimmung im Londoner Rathaus. Der Bürgermeister von der Labour-Partei, Sadiq Khan, hat in London lebende EU-Bürger zur kostenlosen Rechts-Beratung und „emotionaler Unterstützung“ in Sachen Aufenthaltsrecht eingeladen. Die Veranstaltung unter dem Motto „London is open“ ist ein Magnet für Londoner EU-Bürger, die Schlange reicht weit um das Gebäude herum.

          Ein Großteil der Hauptstadt, der wohl vielfältigsten und multikulturellsten Stadt in Europa, hatte sich in dem Referendum für den Verbleib in der EU ausgesprochen. Der Bürgermeister bekannte sich vor den Anwesenden noch einmal zu Europa: „Europa wird immer ein integraler Teil unserer Identität sein und einen besonderen Platz in unserem Herzen einnehmen. London wird auf immer eine europäische Stadt bleiben.“ Den mehr als eine Million EU-Ausländern versprach er: „Ihr macht London zu einem besseren Ort. Ihr seid Londoner. Wir schätzen und lieben euch und ihr werdet hier immer willkommen sein.“

          Der Weg aus der Europäischen Union war lang. Zwanzig Bilder zeigen die wichtigsten Stationen der Briten auf ihrem Brexit-Kurs, der nicht immer gradlinig verlief. Bilderstrecke
          Der Brexit-Prozess in Bildern : Der lange Weg zum Abschied

          Weitere Themen

          Johnson kommt nach Brüssel

          Drama um Brexit-Deal : Johnson kommt nach Brüssel

          Die nächste Verlängerung: Ursula von der Leyen und Boris Johnson wollen ihre „bedeutsamen Meinungsunterschiede“ zu den künftigen Beziehungen zwischen EU und Großbritannien in einem persönlichen Treffen klären. Der Zeitdruck ist enorm.

          Topmeldungen

          Am 19.4.21 ging es bei „Hart aber fair" um Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen. V.l. :Anton Hofreiter (B‘90Grüne), Helene Bubrowski (F.A.Z).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Toll!

          Auf ProSieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gleich gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.