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Bank of England : Ein neuer Notenbankchef mitten in der Brexit-Unsicherheit

Offenbar bevorzug Boris Johnson Andrew Bailey als neuen Chef der Bank of England. Bild: Reuters

Nicht wenige Fachleute in Großbritannien hatten auf die ägyptisch-amerikanische Ökonomin Minouche Shafik als erste weibliche Chefin der Bank of England getippt. Doch jetzt wird es wohl der Finanzaufsichtschef Andrew Bailey.

          5 Min.

          Das Rennen um die Nachfolge von Mark Carney an der Spitze der Bank of England (BoE) nähert sich dem Ende. Der Kanadier, seit 2013 als Gouverneur der „Old Lady“ in der Threadneedle Street, so der Spitzname der Notenbank, hat sämtliche Brexit-Turbulenzen durchgemacht. Eigentlich wäre seine Amtszeit in London schon in diesem Sommer geendet, doch hat er zugestimmt, zur Überbrückung der unsicheren Brexit-Zeiten länger, bis Januar 2020 zu bleiben. Nach dem Wahlsieg der Konservativen wird nun die Entscheidung über die Nachfolge erwartet. Vermutlich wird sie am Freitag fallen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Als Kandidatin mit den besten Chancen galt bis vor Kurzem Nemat Talaat Shafik, die allgemein „Minouche“ genannt wird. Die 57 Jahre alte Ökonomin mit ägyptischen Wurzeln, die schon auf eine steile internationale Karriere und Geldpolitik-Erfahrung zurückblicken kann, ist derzeit Direktorin der London School of Economics (LSE). Sie soll Favoritin von Finanzminister Sajid Javid sein – so heißt es zumindest in den Gerüchten, die in London und den britischen Medien herumschwirren.

          Eine Reihe kleinerer Skandale

          Doch Premierminister Boris Johnson soll Shafik allerdings wegen ihrer Anti-Brexit-Absichten abgelehnt haben. Er soll Andrew Bailey bevorzugen, den Chef der Finanzaufsicht FCA. Formell berufen wird der Notenbank-Gouverneur von der Königin, auf Empfehlung des Premiers. Auf der Kandidatenliste stehen noch weitere Namen – wie etwa Kevin Warsh, der früher bei der amerikanischen Notenbank Fed war sowie die BoE-Vize Ben Broadbent und Jon Cunliffe.

          Unter all diesen soll nun Andrew Bailey die Nase vorn haben, obwohl die Financial Conduct Authority in den vergangenen Jahren und Monaten mit einer Reihe kleinerer Skandale kämpfte und keine besonders gute Figur machte – etwa beim Zusammenbruch des Woodford-Fonds. Bailey war 2013 bis 2016 Vize-Gouverneur der Bank von England. Shafik, die andere noch heiß gehandelte Kandidatin, hatte diese Position 2014 bis Anfang 2017 inne, bevor sie zur LSE wechselte. Ihr wird ein Talent zu Menschenführung nachgesagt. Und nicht zuletzt würde sie zu den Bemühungen passen, mehr „Diversität“ in die Riege der überwiegend männlichen Notenbanker zu bringen: Die BoE möchte in den nächsten Jahren eine Quote von 20 Prozent sogenannte BAME (Black, Asian, ethnische Minderheit) unter ihren Mitarbeitern erreichen.

          Zieht sie doch den Kürzeren? Minouche Shafik.

          Shafik beweist zuweilen auch Humor und Selbstironie. Besuchern an der LSE zeigt sie manchmal einen Stapel alter Notizen aus ihrer eigenen Zeit als LSE-Ökonomiestudentin: Lauter mathematische Formeln und grafische Darstellungen von Angebots- und Nachfrageproblemen, kniffelige Probleme von Elastizitäten und Preissetzungsstrategien. „Ich kann mich an all dieses Zeug nicht mehr erinnern“, sagt sie dann lachend. Wenn sie heute den Kurs nochmal belegen müsste, würde sie „bestimmt durchfallen“.

          Mark Carney hatte in seinen sechs Jahren in der Notenbank derweil manche Herausforderung zu bestehen. Am heikelsten war die Gratwanderung in Bezug auf den Brexit. Anders als der frühere BoE-Gouverneur Mervyn King, der ein Brexit-Befürworter ist, hat Carney erkennbar keine Sympathien für den EU-Austritt. Brexit-Wortführer warfen ihm vor, mit allzu düsteren Prognosen ein „Project Fear“, also eine Angstkampagne zu befeuern. Immer wieder hat die Bank Szenarien durchgerechnet, die für den schlimmsten Brexit-Fall einen Wirtschaftseinbruch vorhersagten, der tiefer als in der Finanzkrise gehen würde. Viele Horrorprognosen für eine Rezession unmittelbar nach dem Brexit-Votum erwiesen sich aber als falsch. Auch die City hat bislang nur wenig gelitten. Carney, der vor seinem Wechsel nach London die kanadische Notenbank leitete und davor Goldman-Sachs-Manager war, geriet inmitten der Brexit-Kämpfe in die innenpolitische Schusslinie. Die Schönwetterzeit, in der ihn die Presse wegen seiner Ähnlichkeit zu George Clooney umschmeichelt hatte, war da vorbei.

          Wo Shafik im geldpolitischen Spektrum stünde, ist nicht ganz leicht auszumachen. Ein „Falke“, also ein Vertreter einer straffen Geldpolitik, die eher mit höheren Leitzinsen operiert, ist sie gewiss nicht. Aber als „Taube“, als Anhänger einer immer weichen, immer expansiven Geldpolitik mit niedrigen Zinsen, will sie auch nicht gelten. Sie sagt dann, dass sie sich als Eule sehe – ein Tier, das für Weisheit steht. Vermutlich soll dies ihren pragmatischen Ansatz hervorheben. Auch Bailey wird nicht klar in eines der Lager, ob Falken oder Tauben, eingeordnet.

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