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Bank of England : Ein neuer Notenbankchef mitten in der Brexit-Unsicherheit

Zuletzt gab es angesichts der mauen Konjunktur und der niedrigen Inflation im neunköpfigen geldpolitischen Rat der BoE immerhin zwei Stimmen, die für eine Leitzinssenkung plädierten. Dem hat sich Carney nicht angeschlossen. Bislang geht die Mehrheit davon aus, dass mit dem Schwinden der Brexit-Unsicherheit das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr anzieht und eine Zinssenkung nicht nötig ist.

Auch die Lebensläufe der beiden Kandidaten könnten kaum unterschiedlicher sein. Shafik wurde 1962 in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria in einer Familie geboren, die unter der sozialistischen Regierung Mitte der sechziger Jahre enteignet wurde, wie sie erzählt hat. Als sie vier Jahre alt war, emigrierten die Eltern mit ihr in die Vereinigten Staaten; sie hat heute drei Staatsbürgerschaften: die ägyptische, die amerikanische und zudem die britische. Als Teenagerin kam Shafik für ein paar Jahre zurück in die Heimat, ging auf ein College und studierte an der American University in Kairo. Anschließend setzte sie die Studien fort in Amherst, in London und in Oxford. Dort wurde sie mit einer Arbeit über den privaten und den öffentlichen Sektor in Ägypten promoviert.

Bailey mit bodenständiger Vita

In den späten achtziger Jahren begann sie dann eine steile internationale Karriere: Nach Stationen bei der U.S. Agency for International Development im Senegal und in Ägypten ging sie zum Internationalen Währungsfonds in Washington. Mit nur 36 Jahren wurde sie 1999 zur jüngsten Vizepräsidentin der Weltbank berufen. Es folgte eine Führungsposition im britischen Entwicklungshilfeministerium, dort leitete sie Armutsbekämpfungsprogramme mit einem Budget von acht Milliarden Pfund. Schließlich wurde sie Vizedirektorin des IWF in den Jahren 2011 bis 2014, zuständig für die Länder Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas mit 3000 Mitarbeitern. 2014 kehrte sie nach London zurück und wurde Notenbank-Vize. Ihre Beziehung zu Carney soll von Spannungen belastet gewesen sein. Nach nur zweieinhalb Jahren verließ sie Anfang 2017 die Notenbank, um ihren „Traumjob“ an der LSE aufzunehmen, wie sie damals sagte. Die Zeitschrift „Forbes“ zählte die Mutter von Zwillingen zu dieser Zeit als einer der hundert einflussreichsten Frauen der Welt.

Andrew Bailey hingegen hat eine eher bodenständige Vita: Geboren 1960 in Leicester, hat er am Queen’s College in Cambridge Geschichte studiert und wurde dort promoviert. Anschließend forschte er an der LSE, bevor er zur Bank of England wechselte und dort sowohl in der Abteilung Geldpolitik als auch Bankenaufsicht und –Abwicklung aufstieg. Während der Finanzkrise war er zuständig für eine Spezialeinheit, die im angeschlagenen Bankensektor aufräumen sollte. Zuletzt war er neben Carney stellvertretender Gouverneur der mehr als dreihundert Jahre alten Zentralbank. 2016 bestellte der damalige Finanzminister George Osborne Bailey zum Chef der Finanzaufsicht – er pries ihn als besonders zuverlässige Person. Bailey hat sich ein internationales Renommée erarbeitet, doch gleichzeitig gibt es viele Kleinanleger von Pleitefonds, die ihm persönlich zürnen. Dass nun er – und nicht Shafik – das Rennen machen könnte, hat in eher linksliberalen Kreisen sogleich für wütende Reaktionen gesorgt. Shafik stand eher den kosmopolitischen Liberalen nahe, Bailey wäre ein Repräsentant des konservativen City-Establishments, obwohl er dort auch einige Feinde hat.

Der nächste Chef oder die nächste Chefin der Notenbank in der Threadneedle Street wird ein Gehalt von 480.000 Pfund beziehen, wie die britische Presse stets erwähnt, wobei Carney in einem speziellen Deal für sich ein Gehaltspaket von 874.000 Pfund (mehr als eine Million Euro) für sich herausgehandelt hatte – darin enthalten eine Viertelmillion pro Jahr für die Unterkunft. Für seinen nächsten Job als UN-Sonderbeauftragter für Klimawandel und Finanzierung von Klimapolitik erhält er nur ein symbolisches Gehalt von einem Dollar.

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