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Abstimmung in Großbritannien : Die Angst des EU-Ausländers vor dem Brexit

  • -Aktualisiert am

Fototermin in London: Ein britischer Rentner hält den vielleicht historischen Moment vor der Stimmabgabe mit seinem Smartphone fest Bild: AFP

Der Deutsche Markus Dächsel ist Historiker an der Universität in London. Seit 23 Jahren lebt er in Großbritannien. Dass die Briten aus der EU aussteigen könnten, macht ihm aus mehrerlei Gründen Angst.

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          Ein Aufschrei ging durch Großbritannien, als der Vorsitzende der Ukip-Partei Nigel Farage in der vergangenen Woche ein Plakat zum Brexit-Referendum präsentierte. Darauf war eine lange Schlange von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten abgebildet, versehen mit den Worten „Breaking Point“. Farages Botschaft: Der einzige Weg, diese Menschen aufzuhalten, ist, am Donnerstag für den Austritt aus der EU zu stimmen. Zwar waren selbst Vertreter der „Leave“-Kampagne alles andere als angetan von dem Bild, doch zeigt es deutlich, welche Stimmung zur Zeit in Großbritannien herrscht. Ein großer Teil der Bevölkerung macht Immigranten für seine schlechte Lage verantwortlich. Und unter dieses Rubrum fallen nicht nur die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten wie zur Zeit in Deutschland, sondern auch Migranten aus der EU.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Es ist auch gerade diese Stimmung, vor der es Markus Dächsel graust. Dächsel ist seit 23 Jahren in Großbritannien und lehrt Geschichte am Royal Holloway College der Universität London. „Die politische Stimmung ist ziemlich runter“, sagt er in seinem kleinen Büro im McCrea Buildung. Er als EU-Ausländer habe vor allem Angst vor der rechtlichen Unsicherheit, die eintreten könnte, falls sich eine Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU entscheiden sollte. Doch das ist nicht das einzige. Sollte sich die wirtschaftliche Lage nach einem Brexit verschlimmern, könnten die Briten abermals einen Schuldigen suchen und wiederum bei den EU-Ausländern fündig werden. Momentan können sie ihrer Wut noch durch einen Austritt aus der EU Ausdruck verleihen, doch das wäre dann ja nicht mehr möglich.

          Seit 23 Jahren in Großbritannien: Markus Dächsel
          Seit 23 Jahren in Großbritannien: Markus Dächsel : Bild: privat

          Schon deshalb hofft Dächsel, dass es nicht zum Brexit kommt. Und auch um Stellung zu beziehen, hat er einen offenen Brief der „Historians for Britain in Europe“ unterschrieben, die die britische Öffentlichkeit mahnen, sich zu besinnen und dem Werben der „Brexiteers“ nicht nachzugeben. Denn wenn man sein Leben und seine Karriere wie Dächsel darauf aufgebaut hat, dass es keine Grenzen mehr in Europa gibt, hat man einiges zu verlieren.

          Dächsel ist eigentlich längst in Großbritannien angekommen. Er spricht zwar immer noch deutsch mit leicht bayerischem Akzent, doch wenn er über seine neue Heimat spricht, dann meist in der „Wir“-Form. Trotzdem werde er immer noch regelmäßig daran erinnert, dass er Ausländer sei, erzählt er. Ob beim Friseur, beim Taxifahren oder beim Metzger, die Menschen in der kleinen Stadt südlich von Oxford, in der er wohnt, fragten ihn öfter einmal, wann er zurück gehen wolle nach Deutschland. Meist sei das gar nicht böse gemeint, ist er sich sicher. Aber dass jemand seine Heimat verlässt, um sich in einem anderen Land niederzulassen und dort zu leben und zu arbeiten, gehe über das Vorstellungsvermögen vieler Menschen hinaus.

          Für Dächsel beruht die ganze Immigrations-Debatte vor allem auf einer Ursache: einer Identitätskrise der Engländer. „Jedes demokratische Gemeinwesen konstituiert sich durch Abgrenzung“, sagt er. Früher hätten sich die Engländer von den Menschen aus den Kolonien abgegrenzt, doch die seien mittlerweile integriert. Auch die Abgrenzung gegen viele gesellschaftliche Minderheiten funktioniere wegen deren zunehmender Integration nicht mehr. Und dank der immer engeren Integration der EU wachse man nun auch mit dem Rest Europas immer enger zusammen. Deshalb gehe es vielen Engländern jetzt darum, eine klare Grenze zwischen zu ziehen zwischen denen, von den man nicht will, dass sie einen regieren, nämlich Brüssel, und jenen,  von den man sich das Leben noch bestimmen lassen kann, weil sie zur eigenen Gruppe gehören, nämlich die Parlamentarier in Westminster.

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