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Notfallpläne : Wie sich Unternehmen für den Brexit wappnen

  • -Aktualisiert am

BMW produziert seinen Mini im britischen Oxford Bild: dpa

Die deutsche Wirtschaft bereitet sich auf einen harten EU-Austritt Großbritanniens vor. Bayer, BMW oder RWE reagieren mit Arbeitsgruppen und zusätzlicher Lagerhaltung, um im Geschäft bleiben zu können.

          5 Min.

          Großbritanniens Premierminister Boris Johnson will die Nation am 31. Oktober aus der EU führen. Gerne mit Vereinbarung, wenn es nach dem Brexit-Hardliner geht. Doch die Union zeigt sich wenig verhandlungsbereit. Weil Johnson jetzt das Parlament in Zwangsurlaub geschickt hat, schwinden die Hoffnungen auf eine politische Lösung mit einem Vertrag für einen geordneten Austritt.

          Ein Austrittsvertrag hätte den Handel zwischen Großbritannien und den verbleibenden EU-Staaten regeln können. Doch ob es dazu kommt und wie die Regelungen für die Wirtschaft aussehen werden, ist noch ungewiss. Dabei betrifft der Brexit nicht nur britische Unternehmen, sondern auch alle Handelspartner der Insel und Firmen, die Waren dort produzieren, dorthin liefern oder Niederlassungen und Mitarbeiter im Vereinten Königreich haben. Deutsche Unternehmen wie Bayer, BMW oder RWE wappnen sich daher für den schlimmsten Fall des ungeregelten Austritts.

          Zwischen Großbritannien und Deutschland wurden im letzten Jahr Waren im Wert von fast 120 Milliarden Euro gehandelt. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer schätzt, dass an den Handelsbeziehungen etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen.  

          Vom EU-Austritt des Handelspartners ist die deutsche Wirtschaft auf zwei Seiten betroffen: Auf der Nachfrageseite, da Großbritannien ein großer Absatzmarkt für die Exportnation Deutschland ist, und auf der Angebotsseite, durch die Abhängigkeit von Dienstleistungen, Produkten oder Einzelteilen die im Vereinten Königreich für die deutsche Volkswirtschaft hergestellt werden. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer im Februar überwiegt dabei die Exportseite deutlich. Von den befragten deutschen Firmen mit britischen Geschäftsbeziehungen exportieren 63 Prozent Waren oder Dienstleistungen ins Vereinte Königreich. Britische Importe hingegen beziehen 30 Prozent von ihnen.

          Engpässe an Fährhäfen

          „Das kurzfristig vorwiegende Problem, das sich für deutsche Unternehmen aus einem No-Deal-Brexit ergibt, sind die Engpässe an den Fährhäfen“, sagt Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der deutsch-britischen Außenhandelskammer. Denn nach dem Brexit könnten von einem Tag auf den anderen Zölle und Zollformalitäten anfallen, was einzelne Lieferungen verlangsamen und die internationalen Wertschöpfungsketten durcheinander bringen würde. Um dem vorzubeugen, so der Handelsexperte, würden sich Unternehmen ihre Lieferketten genau anschauen und so weit wie möglich neu strukturieren. „Ziel der Unternehmen ist es, auch bei höheren Zöllen und erschwerten Einfuhrbestimmungen noch wirtschaftlich zu handeln“, sagt der Geschäftsführer der Außenhandelskammer.

          Das deutsche Pharmaunternehmen Bayer bereitet sich mit zusätzlicher Lagerhaltung in Großbritannien auf das Brexit-Chaos vor. Der Konzern wolle die Versorgung britischer Kunden mit wichtigen Medikamenten sicherstellen, sagt ein Firmensprecher von Bayer. „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet, was eine Reihe von umfassenden Maßnahmen beinhaltet. So sollen die größten identifizierten Risiken begrenzt werden – wie zum Beispiel Verzögerungen an den Grenzen aufgrund von Zollformalitäten“, erklärt der Sprecher.

          Unter erhöhtem bürokratischen Aufwand werden besonders Betriebe leiden, die „just-in-time“ produzieren, also keine Zulieferteile auf Lager haben. „Das wird nach dem Brexit besonders für die Automobilbranche schwieriger und teurer“, stellt Hoppe fest. Vor allem Automobilkonzerne profitieren bisher vom freien Handel innerhalb der EU. Nach einem ungeregelten Brexit könnte aber  der Zoll – je nach Richtung – bis zu zehn Prozent auf gehandelte Fahrzeuge und Bauteile verlangen. Das sehen die Regeln der Welthandelsorganisation für Länder vor, die den einfachen Status besitzen. In den könnte Großbritannien nach dem EU-Austritt ohne weitere Regelungen zurückfallen.

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