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David Camerons Abschied : Einigen wir uns auf Unentschieden

Wechselfreuden: David Cameron lacht im Unterhaus so unbeschwert wie seine Nachfolgerin May. Bild: AP

Zum Abschied wird Premierminister David Cameron im Unterhaus von allen Seiten gerühmt. Trotzdem zeigte sich der Makel seiner Amtszeit – in dem, was nicht gesagt wurde.

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          Bevor David Cameron zum Buckingham Palace chauffiert wurde, um der Königin sein Rücktrittsschreiben zu übergeben, stellte er sich noch einmal an die „Dispatch Box“, an jenes Rednerpult in der Senke des Unterhauses, mit dem er in den vergangenen sechs Jahren wie verwachsen schien. Wie immer stützte er sich lässig mit dem rechten Ellbogen auf und gestikulierte mit dem linken Arm. 5500 Fragen habe er in dieser Position von den Abgeordneten des Unterhauses entgegengenommen, rechnete er vor und überließ es „anderen zu entscheiden, wie viele ich davon auch beantwortet habe“.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Am Ende seiner letzten „Prime Minister’s Questions“ persiflierte er melancholisch die Kontinuität des politischen Betriebs und variierte einen Satz, den er vor elf Jahren als Oppositionschef Premierminister Tony Blair entgegengeschleudert hatte: „Ich war einmal die Zukunft.“ Da erhob sich das Haus und applaudierte ausgiebig.

          Schon lange ist in der halben Stunde der „Prime Minister’s Questions“, die traditionell das Mittagessen am Mittwoch im Parlament einläutet, der Herzschlag des politischen Lebens zu hören. Aber selten hatte es so pulsiert, nie hat es ein Premierminister (in den Worten des Abgeordneten Peter Lilley) zu einer derartigen „Meisterschaft“ im Schlagabtausch gebracht wie David Cameron.

          Von allen Seiten des Hauses wurden am Mittwoch sein Witz und sein Humor gerühmt, aber auch der Respekt, den er Freunden und Gegnern immer gleichermaßen entgegengebracht hat. Es war Camerons Stunde höchster Anerkennung – und zugleich verbarg sich im Nicht-Gesagten der Makel seiner Amtszeit. Gewürdigt wurde die Form, nicht der Inhalt.

          Er setzte alles auf eine Karte

          Camerons „größter Fehler“, hatte der konservative Abgeordnete Nigel Evans am Abend vor dem Abschiedsauftritt in einem Fernsehinterview gesagt, sei dessen Wahltriumph gewesen. Hätte er vor 16 Monaten nicht die absolute Mehrheit geholt, wäre es zu einer neuen Koalition mit den Liberaldemokraten gekommen, die einem Referendum niemals zugestimmt hätten. So sehen es viele in der konservativen Fraktion und die meisten im Unterhaus.

          Das Referendum an einem Ereignis wie dem Wahlsieg gleichsam schicksalhaft festzumachen ist natürlich nur ein höflicher Trick, um nicht das Offenkundige auszusprechen: Cameron, der so viel vom Dienst an den Bürgern spricht, hat alles auf eine Karte gesetzt – und sich verzockt.

          Großbritannien : Letzter Auftritt von Premier Cameron

          Es ist vor allem das Spielerische, das diesen Premierminister hat schillern lassen. Cameron – Spross einer Geldhändlerfamilie – spielte im Guten wie im Schlechten. Das Gute ließ sich in der öffentlichen Debatte beobachten. Niemand sonst nahm es so leichtfüßig mit seinen Gegnern auf. Fragen und Angriffe parierte er wie in einem Florettgefecht, tänzelnd, geschickt und absolut treffsicher. Wer mittwochs um 12 Uhr „Prime Minister’s Questions“ ansah, näherte sich mit derselben Erwartung, die man beim Einschalten eines Actionfilms einnimmt: Entspannt verfolgt der Zuschauer auch die härtesten Angriffe, weil er weiß, dass der Held nicht besiegt werden kann.

          In der letzten Schachtel war zu wenig

          Nun hat er doch verloren, und das hat viel mit der dunkleren Seite seiner Spielernatur zu tun. Cameron ist ein Mann der PR, der politischen Werbung, ein Verkäufer. Er hat das Geschäft der Beratung sogar professionell gelernt, in den Jahren zwischen Studium und Parlament. Cameron wusste, dass eine ansprechende Verpackung allein nicht ausreicht, um den Kunden zu überzeugen; ein bisschen was musste die Schachtel schon wiegen. Doch in die letzte Schachtel, die er verkaufen wollte, hatte er zu wenig hineingesteckt.

          Die Leute spürten das und stimmten gegen den Verbleib in der EU. In den Jahren zuvor waren seine Kalkulationen oft aufgegangen. Er ließ sich auf dem Fahrrad in London filmen und mit einem Husky in der Antarktis. Das genügte, um den Konservativen vor der Machtübernahme ein grüneres, „bewussteres“, also irgendwie moderneres Image zu verpassen.

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