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Change UK vor der EU-Wahl : Gemeinsam wären sie stark

Auch in diesem Sommer wird die Flagge der Europäischen Union noch im Londoner Wind wehen. Bild: dpa

Die neugegründete Remain-Partei „Change UK“ buhlt bei der Europawahl um die Stimmen von EU-freundlichen Tory- und Labour-Anhängern. Das Potential ist riesig. Doch kann die Partei es auch in Wählerstimmen ummünzen? Ein Besuch.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Das südostenglische Canterbury ist ein widersprüchlicher Ort. Die weltberühmte Kathedrale zieht jedes Jahr fast eine Million Touristen an, die in der Stadt ansässige University of Kent ist international anerkannt und einer von mehreren großen Arbeitgebern. Die wirtschaftliche Lage in der Region ist besser als in vielen anderen Teilen Englands. Kurzgesagt: Nirgendwo ist das Vereinigte Königreich europäischer als hier. Dennoch haben beim Brexit-Referendum 2016 51 Prozent der Einwohner für den Brexit gestimmt. In Anbetracht der wirtschaftlichen und demographischen Situation Canterburys ein schockierendes Ergebnis. Wenig sprach also dafür, dass die erste Wahlkampfveranstaltung der neugegründeten EU-freundlichen Partei „Change UK“ in Canterbury ein Selbstläufer werden würde und so hatten sich die Organisatoren entschieden den örtlichen Wahlkampfauftakt zurückhaltend zu bewerben und in einem kleinen Saal zu begehen. Nicht zu vergleichen waren Größe und Atmosphäre der Veranstaltung daher mit den Kampagnenevents der ebenfalls neugegründeten „Brexit Party“ von Nigel Farage, die in verschiedenen Städten Englands Hallen und Marktplätze füllt.

          Immer wieder muss man sich in Erinnerung rufen, dass es sich bei dem Treffen um eine Wahlkampfveranstaltung handeln soll. Die Stimmung im mit Kronleuchtern und Ölgemälden dekorierten Saal erinnert viel mehr an einen politischen Salon. Anstatt kämpferischer Reden und markiger Slogans, beschreiben Teilnehmer und Redner immer wieder ein Gefühl der politischen Ohnmacht, in dem sie sich seit dem Brexit-Referendum vor drei Jahren befänden. Kaum ein Zuhörer ist jünger als 50 Jahre, vor der Tür parken teure Autos. Hier trifft sich nicht der Querschnitt der Gesellschaft, sondern Anwälte, Professoren und Unternehmer.

          Doch auch wenn der Ton gemäßigt ist, das Anliegen ist nicht minder brisant: „Politics is broken. Let’s change it“, lautet der Slogan von „Change UK“. Das wichtigste politische Ziel ist dabei der Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union, bestmöglich als Resultat eines zweiten Referendums. Dieser Idee können anscheinend immer mehr Briten etwas abgewinnen: Kaum einen Monat ist die Partei alt und dennoch unterstützen sie in den sozialen Netzwerken mehrere hunderttausend Menschen. Gegründet wurde „Change UK“ von sieben Labour- und vier Tory-Abgeordneten aus dem britischen Unterhaus, die ihre ursprüngliche politische Heimat im Februar verlassen hatten.

          Chuka Umunna (Ex-Labour) und Anna Soubry (Ex-Tory) aus der Führung von Change UK am 23. April in Bristol beim Start der Wahlkampagne für die Europawahl
          Chuka Umunna (Ex-Labour) und Anna Soubry (Ex-Tory) aus der Führung von Change UK am 23. April in Bristol beim Start der Wahlkampagne für die Europawahl : Bild: AFP

          Einer von ihnen ist Mike Gapes, der 50 Jahre lang Mitglied der Labour-Partei gewesen ist, seit 27 Jahren als Abgeordneter im britischen Unterhaus sitzt und zu dem Treffen in Canterbury eingeladen hat. Als ehemaliges Mitglied des Außen- und des Verteidigungsausschusses des Unterhauses ist Gapes im politischen London bestens vernetzt. „Ein lokaler Mann mit einer nationalen und internationalen Stimme“, wie es auf seiner Internetpräsenz heißt. Gapes gehört damit zur Gruppe der Profi-Politiker, die „Change UK“ ins Leben gerufen haben. Es wird an ihm und weiteren erfahrenen Wahlkämpfern liegen, die Dynamik der Remain-Bewegung vom Internet auf die Straße zu übertragen.

          Keine leichte Aufgabe, denn die Partei ist komplett auf die Arbeit von Ehrenamtlichen angewiesen und die Zeit arbeitet gegen sie. Noch vor wenigen Wochen stand nicht einmal fest, ob das Vereinigte Königreich überhaupt an der Europawahl teilnehmen würde und plötzlich braucht es Plakate, Kandidaten und ein Wahlprogramm. Es überrascht daher nicht, dass sich auch beim Wahlkampfauftakt in Canterbury noch vieles um organisatorische Fragen dreht: Wer ist für welche Stadtteile zuständig und wo gibt es noch Werbematerialien? Ein „politisches Start-Up“ will „Change UK“ sein. Doch mit der Europawahl steht die erste große Herausforderung für das Projekt bereits in knapp zwei Wochen an.

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