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Bürgermeister verliert Amt : „Mit dem Brexit gibt London seine Mistgabel aus der Hand“

Er hat schon ein neues Schild für seinen Nachfolger besorgt: Noch-Bürgermeister Iain Macnab Bild: dpa

Iain Macnab ist seit 2008 Bürgermeister eines Dorfs in Schleswig-Holstein. Wegen des Brexits muss der Schotte nun sein Amt abgeben. Im Interview erklärt er, warum er sich entmündigt fühlt, was er am Brexit-Abend vorhat und warum die EU ein „Misthaufen“ ist.

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          Herr Macnab, Sie sind seit 2008 ehrenamtlicher Bürgermeister von Brunsmark in Schleswig-Holstein und eigentlich bis 2023 gewählt. Wegen des Brexits müssen Sie Ihr Amt aber an diesem Freitag aufgeben, weil Nicht-EU-Bürger in der EU keine politischen Ämter ausüben dürfen. Wie sauer sind Sie auf Boris Johnson und seine Brexit-Politik?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Boris Johnson ist demokratisch gewählt und, wie Winston Churchill sagte: Demokratie ist nicht die hundert Prozent perfekte Lösung, aber was Besseres haben wir nicht. Dass ich so lange hier in Brunsmark wohne und plötzlich quasi entmündigt bin, finde ich aber schon schade.

          Sie haben Ihre schottische Heimat Ende der siebziger Jahre verlassen und in Hamburg als Tontechniker, Übersetzer und Kneipenwirt gearbeitet. Warum hat es Sie dann nach Brunsmark verschlagen und wie wurden Sie Bürgermeister?

          Dort stand 1992 ein altes Schulhaus zum Verkauf und zusammen mit einem Freund habe ich es gekauft. Wir waren schon immer große Fans des Herzogtums Lauenburg. Ich war dann bei der Feuerwehr aktiv und auch bei der Freien Wählergemeinschaft. 2003 bin ich in den Gemeinderat gekommen. 2008 wurde ich als Bürgermeister gewählt. Damals gab es zwei Lager im Dorf und ich galt da irgendwie als unparteiisch.

          Zwei verfeindete Lager gibt es seit dem Brexit-Referendum ja auch in Großbritannien. Wie blicken Sie auf Ihre gespaltene Heimat?

          Als das Ergebnis des Referendums kam, hatte ich dasselbe flaue Gefühl im Magen wie bei der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Ich dachte: Die Leute sind nicht ganz dicht. Das Problem war, dass sie vor der Abstimmung belogen und betrogen wurden und die meisten gar nicht zur Wahl gingen, weil sie dachten, es wird sowieso so ausgehen, dass Großbritannien in der EU bleibt. Und der Riesenfehler war, dass wir kein zweites Referendum mehr abgehalten haben.

          Aber hätte das die britische Gesellschaft nicht noch stärker polarisiert?

          Die Leute hätten dann aber wenigstens gewusst, worüber sie abstimmen. Beim ersten Referendum waren sie überhaupt nicht informiert. Das war nur Propaganda. An den Folgen der Entscheidung wird Großbritannien jetzt wahrscheinlich zerbrechen. Früher wäre ich, und auch Freunde von mir, nie für die Unabhängigkeit Schottlands gewesen. Aber wegen dieser Brexit-Geschichte schauen wir alle mehr und mehr in diese Richtung. Das finde ich überhaupt nicht gut.

          Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon hat gerade wieder angekündigt, dass sie die Unabhängigkeit Schottlands nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs noch stärker vorantreiben will.

          Ich erwarte, dass die Regierung in London Schottland keine Erlaubnis für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum geben wird. Da wird es noch heiß hergehen in den kommenden Monaten. Keine Ahnung, wie die Sache am Ende ausgeht.

          Werden Sie zurückziehen nach Schottland, jetzt, wo Sie Ihren Posten als Bürgermeister los sind?

          Nein, meine Familie ist hier, mein Zuhause ist hier. Natürlich vermisse ich manchmal die Atlantikküste. Aber ich habe weiterhin viel zu tun, mit meiner kleinen Firma und mit den zwei Teenagern in meinem Haus. (Lacht.) Und natürlich werde ich mich nicht ganz aus dem Dorfleben herausziehen. Wenn ich gebraucht werde, helfe ich gerne weiterhin mit Rat und Tat.

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