https://www.faz.net/-icu-9tnat

Wahlkampf in Großbritannien : „Coole“ Antworten und das Image vom netten Opa

Der Chef der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, beantwortet Fragen während einer TV-Debatte in der BBC. Bild: EPA

Die zweite TV-Debatte im britischen Wahlkampf hat keinen Sieger: Für Spannung sorgt lediglich das erzwungene Eingeständnis von Labour-Chef Corbyn. Auf die Füße gefallen ist die Brexit-Debatte dagegen einer anderen Parteivorsitzenden.

          2 Min.

          Auch die zweite Fernsehdebatte im aktuellen britischen Wahlkampf hinterlässt wenig Spuren. Neu war nur das – erzwungene – Eingeständnis Jeremy Corbyns, dass er sich in dem zweiten EU-Referendum, das er im Falle eines Labour-Siegs abhalten will, „neutral“ verhalten werde. Seine Leute verteidigten diese Position noch in der Nacht und argumentierten, dass die Brexit-Frage, die das Land so sehr spaltet, ganz gut einen „ehrlichen Makler“ in der Downing Street vertragen könnte. Die Konservativen nutzten dies als Steilvorlage, um ihre Kampagne gegen den Labour-Chef zu intensivieren: Neutralität habe nichts mit Führung zu tun, hieß es im Regierungslager.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wirklich auf die Füße gefallen ist die Brexit-Debatte nur der Vorsitzenden der Liberaldemokraten, Jo Swinson, die an diesem Freitagabend ihren ersten großen Fernsehauftritt hatte. Die Stimmung im Publikum, in dem Remainers und Brexiteers etwa gleich stark vertreten waren, wirkte eisig, als sie zu erklären versuchte, warum die Partei den Austrittsantrag zurückziehen will. Was bitteschön liberal und demokratisch daran sei, ein Plebiszit zu missachten, wollte ein Gast im Studio wissen. Swinson wurde zudem immer wieder mit Positionen konfrontiert, die sie in der Zeit der Libdem-Tory-Koalition als Abgeordnete mitgetragen hatte, und nun öffentlich bereut. Sie hatte den schwersten Stand in dieser Debatte.

          Auch dem Amtsinhaber Boris Johnson wurde zugesetzt. Er musste ein weiteres mal frühere Zeitungsartikel verteidigen, in denen er sich über Minderheiten lustig gemacht hatte. Natürlich finde man in seinen journalistischen Arbeiten Stellen, die manchem als Angriff erscheinen könnten, sagte Johnson – und ging nicht auf die Aufforderung ein, sich bei verschleierten Frauen oder Schwulen zu entschuldigen. Nur zweimal plazierte er seinen Slogan „Get Brexit done“ (einmal mit Selbstironie), aber die klare Austrittsperspektive, die er Dank „seines Deals“ machen kann, wurde vom Saalpublikum abermals mit Beifall bedacht.

          Nicola Sturgeon, die gewitzte Chefin der Schottischen Nationalisten, kam am ungeschorensten aus dieser Debatte, ihre Partei kann jedoch nur von den fünf Millionen Schotten gewählt werden. Von den beiden Spitzenkandidaten trug in dieser Nacht keiner einen Sieg davon. Johnson wie Corbyn behielten ihr „Cool“ – trotz teilweise harscher Fragen und Vorwürfe.

          Der Oppositionsführer, der sein radikales Wahlprogramm überraschend moderat verkaufte, könnte sich allerdings noch eine Weile an einen Studiogast erinnern, der ihm mangelndes Engagement im Umgang mit Antisemitismus in der Labour Party vorhielt. Sichtlich aufgebracht sagte der Mann, dass er Corbyn das Image vom „netten Opa“ nicht abkaufe. 

          Weitere Themen

          Ein paar Unterschriften fehlen noch

          Der Brexit naht : Ein paar Unterschriften fehlen noch

          Ein Handschlag reicht da nicht: Bevor Großbritannien die EU kommende Woche verlassen kann, steht noch ein kleiner Unterschriften-Marathon bevor. Neben der Ratifizierung des Europaparlaments fehlt auch noch das Autogramm Boris Johnsons.

          Die Ironie des Brexits

          FAZ Plus Artikel: Johnson vs. Trump : Die Ironie des Brexits

          Eigentlich sollten die britisch-amerikanischen Beziehungen nach dem Brexit enger werden. Doch Boris Johnson legt sich gleich an drei Fronten mit dem amerikanischen Präsidenten Trump an – und bleibt auf Linie mit Berlin und Paris.

          Topmeldungen

          Auf dem Weg zur Arbeit: Die von manchen prognostizierten hohen Arbeitsplatz-Verluste im Londoner Finanzsektor blieben aus.

          Brexit und die Wirtschaft : Eine Delle, keine Katastrophe

          Die Prognosen zum Brexit waren überzogen, doch Investitionen und Wachstum haben gelitten. Mit dem Ende der Unsicherheit könnte es wieder aufwärts gehen.
          Zur Diskussion gestellt: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht ließ einen „Diskussionsentwurf“ verschicken, der vorstellt, wie sich die Beamten des Ministeriums die Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht vorstellen.

          EU-Urheberrecht : Kein Vorschlag zur Güte

          Das Justizministerium schlägt vor, wie das neue EU-Urheberrecht in nationale Gesetze aufgenommen werden soll. Der Vorschlag wirkt moderat, doch er birgt Sprengstoff. Auch für die Bundesregierung.
          Hochzeitswagen auf den Straßen Istanbuls

          Brief aus Istanbul : Beim Kindermachen denken Sie woran?

          „Denken Sie während des Aktes an Ihren geistigen Führer, um ein sittsames Kind zu bekommen“: Wie sich die Regierenden in der Türkei ins Privatleben ihrer Bevölkerung einmischen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.