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Britische Presseschau : „Lebewohl dem ausnahmslos schlechtesten Premierminister“

  • -Aktualisiert am

Die britische Presse ist meinungsstark wie immer. Bild: AFP

Theresa May bietet ihren Rücktritt an, wenn das Parlament ihren Brexit-Deal billigt. Die britische Presse verabschiedet sich von der Premierministerin mit harschen Worten, doch auch die Abgeordneten hätten versagt, heißt es.

          Die Verhandlungen zum EU-Austritt Großbritanniens scheinen festgefahren. Theresa May bot am Mittwoch ihren Rücktritt an, sollte das britische Unterhaus ihr Austrittsabkommen annehmen. Zunächst schien sie damit Skeptiker wie den konservativen Boris Johnson auf ihre Seite zu bringen. Doch dann ließ die nordirische DUP verlauten, dass sie ihre ablehnende Haltung zu Mays Deal nicht ändert. Indes stimmte das Parlament alle Alternativen zum Brexit nieder, darunter ein zweites Referendum oder einen Austritt ohne Abkommen. Die britische Presse kann ihren Frust nicht verbergen.

          Die „Sun“ hat mit May bereits abgeschlossen. In einem Kommentar heißt es, sie sei mutig gewesen, jedoch als Anführerin gescheitert: „Es ist an der Zeit, einen Brexit-Premierminister vorzubringen.“ Lobenswert seien Mays „gewissenhaftes Pflichtbewusstsein und Ausdauer“ sowie ihre „hartnäckige Entschlossenheit, das zu liefern, was sie als den Willen des Volkes sah“. Ihr Rücktrittsangebot sei anständig und stimme hoffentlich genug Skeptiker um, damit ihr „höchst mangelhaftes Austrittsabkommen“ die nächste Abstimmung gewinnt. „Das ist ohne den geringsten Zweifel die einzige Hoffnung auf Erlösung für die Tory-Partei.“ Davon abgesehen lasse May wesentliche Führungseigenschaften wie Flexibilität, Überzeugungs- und Vorstellungskraft missen: „Anführer sind zum Anführen bestimmt und nicht, um unter Fernsehscheinwerfern steinern und still zu bleiben.“

          Der „Daily Express“ zeigt Verständnis für die Premierministerin und fragt: „Was muss sie noch alles tun?“ Ihr Angebot der Amtsaufgabe sei eine „selbstlose Geste“ gewesen und ein „tapferer Versuch, den Brexit-Patt zu brechen“. Die Zeitung beklagt, dass die Brexiteers ihr dennoch die Gefolgschaft verweigern, es dem Parlament aber gleichzeitig misslingt, einen alternativen Weg einzuschlagen. So versinke das Unterhaus abermals im Chaos.

          Die „Daily Mail“ fragt im Hinblick auf Mays „dramatisches Kündigungs-Angebot“: „Wird ihr Opfer vergeblich sein?“ Nach anfänglicher Hoffnung, Mays Vorstoß könne die nötigen Stimmen für ihren Deal im Unterhaus sichern, kündigte die DUP mit einem „Paukenschlag“ an, ihre Zustimmung wie gehabt zu verweigern. Das Abkommen stellt für die nordirische Partei ein „inakzeptables Risiko für Integrität des Vereinigten Königreichs“ dar. Das Versagen der Parlamentarier, sich auf eine Alternative zum Brexit zu einigen, ist der Zeitung zufolge „possenhaft“.

          Der „Daily Mirror“ läutet „das Ende des Mais“ ein – ein Wortspiel mit dem gleichlautenden Nachnamen der Premierministerin. Die Kehrtwende von Boris Johnson nach Mays Rücktritts-Angebot bezeichnet die Zeitung als „schamlos“ und lasse Johnsons Ambitionen durchblitzen, der Premierministerin im Amt nachzufolgen. Als Chaos deutet der „Mirror“ auch die acht Abstimmungen über die Brexit-Alternativen, die allesamt fehlschlugen.

          Der „Guardian“ titelt sarkastisch: „Das Parlament kommt endlich zu Wort“ und sagt achtmal „Nein“ zu den vorgelegten Alternativen zu Mays Deal. Theresa May, deren Autorität bereits zerschlagen sei, habe ihre „letzte verzweifelte Karte gespielt, die sie zur Verfügung hatte, um die Brexit-Rebellen in ihrer zerstrittenen Partei zu zähmen“, nämlich die Opferung ihres Amtes im Austausch für die parlamentarische Billigung ihres Austrittsabkommens. In einem Kommentar wünscht der „Guardian“ „Lebewohl dem ausnahmslos schlechtesten Premierminister – bis zum nächsten.“ Ihre Amtszeit habe jedoch auch ein Gutes gehabt: „Sie hielt die barbarischen Horden der Brexiteers draußen, indem sie einen nach dem anderen aus dem Weg stieß, um den Thron zu erobern.“ Diese nützliche Rolle habe sie jetzt allerdings aufgegeben und ihr Rücktritt werde den Stillstand im Parlament nicht beenden. Weiterhin heißt es, dass zu Mays Leidwesen kein Kompromiss existiere, der Typen wie Boris Johnson und den Brexiteer-Wortführer Jacob Rees-Mogg zusammenbringen könnte. Ein Weg sei jedoch noch offen: „May kann ein Referendum zu ihrem Deal anbieten, um mehr Parlamentarier für sich zu gewinnen.“

          Der „Daily Telegraph“ schreibt: „May fällt in ihr Schwert.“ Der Mittwoch sei ein hochdramatischer Tag im britischen Unterhaus gewesen. Mays Angebot der Amtsniederlegung sei von der DUP ausgebremst worden, auch wenn es Skeptiker wie Boris Johnson umstimmen konnte. Die Zeitung zitiert Johnson mit den Worten: „Es tut mir sehr sehr leid und obwohl es mich schmerzt, muss ich dieses Ding akzeptieren.“

          „May gelobt abzutreten“ titelt die „Times“ und stellt einen langwierigen Kampf innerhalb der Tory-Partei um die Führerschaft in Aussicht. Mindestens ein Dutzend konservative Parlamentarier kämen für Mays Nachfolge in Frage. Bis diese fest steht, bleibe die angeschlagene Premierministerin im Amt.

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