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Referendum : Wie der Brexit Britannien wieder provinziell machen würde

Charles de Gaulle wollte Großbritannien nicht in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sehen. Wie werden die Briten am 23. Juni entscheiden? Bild: AFP

Die Briten ticken anders als das kontinentale Europa. Das nutzt beiden Seiten. Ein Brexit hieße: Zurück zur Provinzialität – und eine Schwächung aller Beteiligten. Eine Analyse.

          4 Min.

          England ist nun einmal eine Insel, im Meer gelegen, die über ihren Warenaustausch, ihre Märkte und Versorgungswege mit den unterschiedlichsten und entferntesten Ländern verbunden ist. Sie betätigt sich im Wesentlichen in der Industrie und im Handel und nur wenig in der Landwirtschaft. Sie zeigt in ihrem ganzen Schaffen markante und eigentümliche Gewohnheiten und Traditionen.“ Quizfrage: Wer hat das gesagt? War es Nigel Farage, der Chef der UK Independence Party? Oder Boris Johnson, der Wortführer des Brexit-Lagers? Oder womöglich die Frau mit der Handtasche, die ihr Geld zurückwollte, Margaret Thatcher?

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Alles falsch. Es war gar kein Engländer, sondern ein Franzose: Charles de Gaulle, Anfang 1963. Da hatte er gerade sein Veto eingelegt gegen den britischen Wunsch, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beizutreten.

          De Gaulle reichte das kleine Europa der sechs

          Der französische Präsident rechtfertigte seine Entscheidung in einer Pressekonferenz. Er schob keine Ausrede vor, er argumentierte grundsätzlich: Der Inselstaat Großbritannien passte nicht zum Bündnis der sechs kontinentalen Staaten, die ihre Kohle- und Stahlindustrie und ihre Landwirtschaft vergemeinschaftet hatten. Es gab einen gemeinsamen Haushalt zur Förderung der Bauern anstelle nationaler Subventionen; und dieser geplante Markt wurde abgeschottet mit hohen Zöllen auf Einfuhren. Einnahmen, die wiederum der Gemeinschaft zugutekamen. Aus de Gaulles Sicht hatten die sechs Europäer die ideale Organisationsform für ihr gemeinsames Schicksal gefunden.

          Der französische Präsident kannte die Briten aus seiner Zeit im Exil. Treffend beschrieb er die Unterschiede, die schon in der Geographie angelegt sind. Aber er zog ganz falsche Schlüsse daraus. Ihm reichte das kleine Europa der sechs, es sollte homogen sein, untereinander verknüpft und voneinander abhängig, aber nach außen abgeschottet.

          Heute darf man sagen: Wie gut, dass es anders gekommen ist! Denn de Gaulles Europa wäre inzwischen eine kleine, verarmte Planwirtschaft, ein Paradies für Bauern, aber eine Hölle für Unternehmer. Die jungen Leute wären längst weggezogen. Die alten würden verzehren, was vom Wohlstand übrig blieb. Investoren und Migranten würden einen großen Bogen um dieses europäische Dorf machen. Und das wäre nicht einmal ein Trost.

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          Es war für alle eine gute Zeit

          Zehn Jahre nach dem Veto de Gaulles sind die Briten dann doch noch Europäer geworden, untermauert mit einer Volksabstimmung. Bald gab es Streit über die Agrarsubventionen, über den Gemeinschaftshaushalt, über den Verzicht auf Souveränität. Es war nie eine einfache Zeit, für die Insulaner so wenig wie für die Kontinentalbewohner. Trotzdem war es für alle eine gute Zeit. Die Briten haben ihre Strukturkrise in den Siebzigern überwunden, die Wirtschaft kam wieder auf die Beine – nicht zuletzt, weil sie immer mehr Dienstleistungen auf dem Kontinent verkaufen konnten.

          Für die Gemeinschaft waren sie Geber im doppelten Sinne. Als Nettozahler haben sie mit ihren Beiträgen asphaltierte Straßen in Südeuropa bezahlt und junge Unternehmer in Osteuropa gefördert. Die Briten waren aber auch Ideengeber. Der Binnenmarkt mit seinen Freiheiten wurde von einem englischen Kommissar entworfen. London trieb die Erweiterung der Union voran, es wirkte den Kräften der Abschottung und der Staatswirtschaft entgegen. Gewiss, Premierminister jeglicher Couleur konnten unglaublich nerven. Aber sie waren auch ein Quell von Vitalität, der Stachel im Sitzfleisch bequemer Europäer.

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