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F.A.Z. exklusiv : Der Brexit vertreibt deutsche Investoren

  • -Aktualisiert am

Am Wochenende wurde in London wieder gegen den Brexit protestiert. Bild: AFP

Die britische Premierministerin Theresa May will am Mittwoch den Austritt ihres Landes aus der EU erklären. Eine neue Auswertung zeigt jetzt: Fast jedes zehnte deutsche Unternehmen will Aktivitäten aus Großbritannien zurückverlagern.

          Auch wenn es nach dem offiziellen Austrittsantrag noch zwei Verhandlungsjahre dauern wird, bis die Briten tatsächlich die EU verlassen – die Wirtschaft rechnet schon jetzt mit gravierenden Folgen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) jedenfalls sagt einen deutlichen Dämpfer für den Handel voraus. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Sonderauswertung des DIHK hervor, die der F.A.Z. vorliegt.

          Demnach stufen deutsche Unternehmen mit Großbritannien-Engagement ihre aktuelle Geschäftslage noch als „halbwegs solide“ ein. Für die nächsten Monate aber erwarten 40 Prozent von ihnen schlechtere Geschäfte. Immerhin 9 Prozent wollen Investitionen zurückverlagern – mehrheitlich nach Deutschland, aber auch in andere Binnenmarktstaaten oder Länder außerhalb Europas. Grundlage dieser Daten ist eine DIHK-Umfrage vom Februar unter 2200 deutschen Unternehmen; die 1300 Antworten von Firmen mit Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien wurden erst jetzt ausgewertet.

          Austrittskonditionen noch lange nicht bekannt

          90 Prozent dieser Betriebe exportieren ins Vereinigte Königreich, ein gutes Viertel hat Niederlassungen, und mehr als ein Fünftel hat Importbeziehungen. Verglichen mit Unternehmen, die in anderen Weltregionen aktiv sind, sind die Unternehmen mit Großbritannien-Bezug deutlich pessimistischer, was ihre Geschäftsaussichten angeht. „Erwartete zusätzliche Kostenbelastungen durch Zölle und Steuern sowie eine zunehmende Bürokratie an der neuen Grenze Europas werden die Geschäfte auf beiden Seiten negativ beeinflussen“, heißt es in dem Report.

          „Der Brexit wird den Geschäften deutscher Unternehmen mit dem Vereinigten Königreich erheblich schaden“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Schon in den kommenden Monaten sei mit weiteren Rückgängen beim Handel zu rechnen, bei den Investitionen werde es langfristig eine starke Abschwächung der bisherigen positiven Entwicklung geben. „Fast jedes zehnte Unternehmen plant bereits heute Investitionsrückverlagerungen – obwohl die Austrittskonditionen noch lange nicht bekannt sind.“

          Briten auf Werbetour im Ausland

          Die Studie weist darauf hin, dass der Export ins Vereinigte Königreich 2016 schon um 3,5 Prozent gesunken sei, vor allem wegen eines Rückgangs im zweiten Halbjahr – also nach dem Brexit-Votum. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU, das den Briten für nach dem Austritt vorschwebt, dürften sich nach Einschätzung des DIHK jahrelang hinziehen. Die Studie zeigt eine ähnliche Richtung wie Umfragen aus Großbritannien: So berichtet die Kanzlei Hogan Lovells, knapp zwei Drittel der großen globalen Unternehmen in Großbritannien rechneten mit schrumpfenden Gewinnen durch den Brexit. Eine Umfrage der Bank UBS zeigt, dass fast ein Drittel der befragten Firmen im Euroraum, davon drei Viertel mit Investitionen in Großbritannien, mit einem Rückgang ihrer Investments rechnen.

          „Ich appelliere an die Politik: Hindernisse im Warenverkehr und zusätzliche Bürokratie sollten möglichst gering ausfallen“, sagte Schweitzer. Gleichzeitig betonte er, dass „zu viele Zugeständnisse der EU bei den Verhandlungen“ den Binnenmarkt insgesamt nicht gefährden dürften. „Denn das wäre dann ein noch größeres Problem für unsere international aufgestellten Unternehmen.“

          Die Briten gehen derweil auf Werbetour: Am Montag etwa sprachen mehrere Unternehmensvertreter in Berlin auf einer Veranstaltung unter dem Motto „London is open“, also: „London ist offen“. Jürgen Maier, CEO von Siemens Großbritannien, bekräftigte die langfristige Bindung seines Unternehmens an London. Die Stadt und das Vereinigte Königreich seien ein wichtiger Markt und ein guter Ort, um Geschäfte zu machen. „London bleibt ein führendes Zentrum für Innovation und Technologie.“ Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan betonte, London bleibe offen für Talente, Investitionen und Ideen. „Trotz Brexits werden wir weiterhin eng zusammenarbeiten.“ Die aktuellen Umfragen aber machen deutlich, dass bei all diesen britischen Analysen auch jede Menge Hoffnung mitschwingt.

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