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May, Cameron und der Brexit : Was für ein Traum!

Aber dann stellte sich heraus, dass das Land der EU Milliarden schuldete: offene Rechnungen, Pensionsverpflichtungen, Haftungsrisiken – davon hatte in London kein Mensch etwas gewusst. Die Europäer wollten überhaupt erst über die Zukunft verhandeln, wenn London vorher seine Verpflichtungen anerkannte. Und sie hielten fest zusammen. Damit hatte keiner gerechnet. Theresa fuhr nach Berlin, Paris, Warschau – alles vergebens. Also rief sie Neuwahlen aus.

„Wie bitte, Sam?“, ging David dazwischen. „Ich habe doch eine satte Mehrheit im Unterhaus!“ Ja, klar, fuhr Sam fort, aber Theresa dachte, sie könne noch mehr Sitze gewinnen. Stattdessen verlor sie die Mehrheit und konnte überhaupt nur mit den Stimmen der Unionisten aus Nordirland weiterregieren. Von da an lief es richtig schlecht. Denn jetzt verlangte Brüssel auch noch, dass Nordirland in einer Zollunion mit der EU blieb, damit man nicht wieder Kontrollen an der Grenze zur Republik Irland einführen musste. Da stellten sich die Unionisten quer: Das hätte ja ausgesehen wie eine Wiedervereinigung!

Theresa steckte in der Sackgasse. Niemand half ihr mehr, nicht in Brüssel, nicht in London. Boris machte sich aus dem Staub. War ja klar, warum: Er wollte ihren Job. Sie verlor einen Minister nach dem anderen. In Brüssel stimmte sie zu, dass notfalls das gesamte Königreich in einer Zollunion blieb. Sie bekam dann endlich ein Austrittsabkommen, aber niemand dankte es ihr. Boris zettelte ein Misstrauensvotum in der Fraktion an, das gewann sie noch. Doch die Abstimmung im Unterhaus über das Abkommen ging schief.

„Wie schief?“, wollte David wissen. – „Sie hatte 230 Gegenstimmen.“ – „Wow, so eine Niederlage hat es noch nie gegeben. Dann musste sie also gehen!“ – „Nein, sie blieb. Alle spotteten jetzt über sie, aber sie blieb.“ – „Das ist unmöglich, Darling!“ – „Warte nur, was danach noch kam“, sagte Sam. Eine Träne rollte über ihre Wange.

Die zweite Abstimmung ging nämlich auch schief. Um wenigstens beim dritten Versuch eine Mehrheit zu bekommen, bot Theresa ihren Rücktritt an. Jetzt war Boris plötzlich auf ihrer Seite – logisch. Aber sie verlor wieder. Und blieb im Amt, weil sie keine Mehrheit mehr hatte. Boris schäumte vor Wut. Brüssel drohte damit, dass das Land über die Klippe gehe. Die ganze Welt machte sich über das Chaos in London lustig.

Und das Unterhaus tat einfach so, als ob es keine Regierungschefin mehr gebe. Die Abgeordneten stimmten über alles Mögliche ab: eine Zollunion, den Verbleib im Binnenmarkt, ein weiteres Referendum, sogar die Rücknahme des Austritts. Theresa saß in der ersten Reihe, auf der grünen Bank, und wusste nicht, wie ihr geschah. Ein Typ mit Batik-Krawatte brüllte immerzu „Ordeeeer“.

An einem Sonntag lud Theresa ihre Gegner nach Chequers ein, auf den Landsitz. Sie holte David dazu, er hatte sich von der Politik zurückgezogen und war in den letzten Jahren viel gejoggt. Jetzt sollte er schlichten. Doch gingen wieder alle im Streit auseinander. Und dann geschah es: Als Theresa gerade die Gäste verabschiedet hatte, raste von hinten ein Wagen auf sie zu. David sah das Unheil kommen, er stürzte zu ihr, stieß sie zur Seite. Der Wagen traf ihn frontal, schleuderte ihn durch die Luft, er schlug auf den Asphalt. „Schatz, du bist in meinen Armen gestorben“, schluchzte Samantha. „Und weißt du, wer am Steuer saß: Boris!“

David nahm seine Frau in den Arm. Er fühlte sich jetzt blendend, nach der Dusche und dieser irrsinnigen Geschichte. Er stellte sich vor, wie er Theresa gerettet hatte – selbstlos, mutig, heldenhaft. Auf dem Nachttisch erspähte er den Wecker. Es war schon nach acht, er musste los in die Downing Street. Unten würde der Fahrer warten. David spürte Sams Tränen auf seiner Wange, seine Frau zitterte am ganzen Körper. Er strich ihr sanft über das Haar: „Es ist vorbei, Darling. Nichts von all dem ist jemals geschehen.“

Die englische Version dieses Textes finden Sie hier.

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