https://www.faz.net/-icu-9jq5n

Brexit-Rückschau : Divided Kingdom

4. Oktober 2017: Auf dem Parteitag in Manchester erlebt Theresa May einen Tiefpunkt - mit Hustenanfall und Deko-Unglück.

Nach turbulenten, ja chaotischen zweieinhalb Wochen, für die Kommentatoren nur noch Parallelen in Shakespeare-Dramen fanden, lichtete sich das Feld. Die Helden des Brexit hatten sich zurückgezogen – Farage gesättigt, Johnson beleidigt. Die konservative Regierung war im Amt geblieben, aber nun mit einer Frau an der Spitze, der die aufgewühlten Tories am ehesten zutrauten, die Wunden zu heilen: Theresa May. Die frühere Innenministerin hatte ohne viel Leidenschaft für den Verbleib in der EU geworben und dabei nie die Nähe zum konservativen (Brexit-)Flügel der Partei verloren.

Nach diesem Prinzip stellte sie auch ihr Kabinett zusammen: zur Hälfte Remainers, zur Hälfte Brexiteers. Wer fragte, in welche Richtung die Regierung denn nun marschieren wolle, dem beschied Theresa May, die bald als „Maybot“ bezeichnet wurde, mit automatenhafter Monotonie: „Brexit heißt Brexit.“

Die Stimmung auf den Dinnerpartys in London, Cambridge und Oxford sank in diesen Wochen auf den Gefrierpunkt. Die urbanen Eliten, die das Land seit Jahrzehnten geprägt hatten, waren von denen geschlagen worden, die sie nie sonderlich ernst genommen hatten. Zur traditionellen Herablassung gegenüber „diesen Leuten“ trat nun die Wut über die „Brexit-Deppen“. Unvergessen die Literaturprofessorin in Oxford, die ein Jahr nach dem Referendum sagte: „Mir wird gelegentlich vorgeworfen, ich lebte hier in Oxford in einer Echokammer. Aber das ist mir so was von egal. Ich sehe nicht den geringsten Anlass, mit diesen Hohlköpfen zu reden.“

Mays emotionaler Tiefpunkt

Die gesellschaftliche Spaltung in der Europafrage, die das Referendum durch eine demokratisch verbindliche Entscheidung überwinden sollte, vertiefte sich. Aber das schien May nicht zu kümmern.

Anstatt das Land auf einen Kompromisskurs zu führen, dem auch die 48 Prozent Verlierer hätten folgen können, stellte sie die Weichen auf einen Brexit, der markanter kaum sein konnte. Unter dem Jubel der Ultra-Brexiteers kündigte sie an, Britannien aus dem Binnenmarkt und aus der Zollunion zu führen. Gute Wirtschaftsdaten und wachsende Sympathien in der Wählerschaft, die auch mit dem jämmerlichen Zustand der Labour Party in Corbyns Frühphase zu tun hatten, verleiteten sie zu einem Risikospiel, das dem ihres Vorgängers ähnelte.

Im Frühjahr 2017 kündigte sie, ohne Not, eine Neuwahl an – in der Hoffnung, die absolute Mehrheit der Konservativen noch auszubauen. Doch auch ihr „Gamble“ funktionierte nicht. Im Juni 2017, ein Jahr nach dem Referendum, verlor sie die absolute Mehrheit im Unterhaus. Damit begannen ihre Sorgen.

15. Januar 2019: Nach ihrer verheerenden Niederlage bei der Abstimmung im Unterhaus gibt sich Theresa May kämpferisch.

Im Parlament wurde das schwache Ergebnis als Absage an Mays „harte“ Brexit-Vision interpretiert. Abgeordnete forderten Konsequenzen, und die Premierministerin, die durch eine Legitimationskrise ging, zog sie widerwillig. Auf dem Parteitag in Manchester erlebte sie den emotionalen Tiefpunkt ihrer Karriere. Nach einem schmerzhaft langen Hustenanfall lösten sich Buchstaben des Parteitagsmottos an der Wand hinter ihr und fielen zu Boden. Etwa zur selben Zeit lief May in den Brüsseler Austrittsverhandlungen in eine Falle, die sie sich selbst gestellt hatte. Ihr Versprechen, dass sich nichts am (unsichtbaren) Grenzregime auf der irischen Insel ändern solle, nutzte die EU beherzt und zwang London in den „Backstop“.

Weitere Themen

Ein neuer Umgangston

Bei Brexit-Verhandlungen : Ein neuer Umgangston

Noch steht nicht fest, wer der neue britische Premierminister wird, Boris Johnson oder Jeremy Hunt. Beide aber wollen hart mit der EU verhandeln – und drohen mit einem ungeregelten Austritt.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.