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Brexit-Rückschau : Divided Kingdom

Aber die Warnungen der Remainers, von ihren Gegnern als „Project Fear“ abgetan, verfingen nicht. Die beiden Lager redeten aneinander vorbei. Etwas hatte sich verändert in der britischen Gesellschaft. Seit den neunziger Jahren war der berühmte Slogan eines Clinton-Beraters zur Faustregel für Wahlsiege im Westen geworden: „jt's the economy, stupid.“ Doch vielen Briten schien die Ökonomie gar nicht so wichtig. Es ging ihnen um Identität. Die EU galt ihnen als Symbol kultureller Entfremdung. Brüssel stand nicht nur für überbezahlte, entrückte Bürokraten, sondern für eine als Irrweg wahrgenommene Entwicklung: die Geringschätzung nationaler Eigenheiten, das Antreiben der Globalisierung mit all ihren Nachteilen, die Förderung von liberaler Gesellschaftspolitik und von Migration.

24. Juni 2016: BBC-Moderator David Dimbleby verkündet das Ergebnis des Referendums: „Wir sind draußen.“

Hohe Wahlbeteiligung

Die Zuwanderung wurde im Wahlkampf zum beherrschenden Thema; dafür sorgten schon die Ereignisse auf dem Kontinent. Angela Merkels „Willkommenskultur“ wurde von vielen Briten als Bedrohung wahrgenommen. War Deutschland nicht der heimliche Anführer der EU? Was würden Merkels erstaunliche Aussagen, dass man Grenzen „nicht schließen kann“ und dass es „nicht in unserer Macht liegt, wie viele nach Deutschland kommen“, mittelfristig für Britannien bedeuten?

Noch wenige Tage vor dem Referendum am 23. Juni 2016 waren die meisten in London beheimateten Beobachter zuversichtlich, dass es gerade eben für ein Remain-Votum reichen würde. Nur wer im Land herumgereist war, war nervös geworden. Denn dort traf man auf verblüffend viele Menschen, die vom Brexit begeistert waren: Fischer, Bauern und Call-Center-Mitarbeiter, aber auch Anwälte, Großgrundbesitzer, Kleinunternehmer und Ärzte.

9. Juni 2017: Premierministerin Theresa May verzockt sich und verliert bei der Neuwahl die absolute Mehrheit im Unterhaus.

Sehr viele von ihnen gingen zur Wahl. 72,2 Prozent, mehr als je zuvor in der Geschichte der Nation, nahmen an dem Referendum teil. In der Nacht zum 24. Juni folgte die große Überraschung. Draußen graute schon der Morgen, als es um 4.39 Uhr still wurde im Wahlstudio der BBC. David Dimbleby, der die Ereignisse seit Stunden moderiert hatte, erhielt ein Zeichen des Meinungsforschers John Curtice, richtete sich im Sessel auf und verlieh seiner Stimme zum einzigen Mal in dieser Nacht einen feierlichen Klang: „Das britische Volk hat gesprochen, und das Ergebnis ist: Wir sind draußen.“

In den Tagen danach überschlugen sich die Ereignisse. David Cameron kündigte schon am Morgen des 24. Juni, umringt von seiner Familie, den Rücktritt an. Mehrere Tory-Politiker warfen ihren Hut in den Ring (und manche holten ihn schnell wieder heraus). Die Regierung in Schottland, das klar für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, drohte mit einem weiteren Unabhängigkeitsreferendum. In Nordirland machten sich Remainers Sorgen um den Friedensprozess.

„Brexit heißt Brexit“

Auf den Oppositionsbänken brachten Labour-Abgeordnete einen Misstrauensantrag gegen Parteichef Jeremy Corbyn ein, dem sie mangelndes Engagement für die EU vorhielten. Das Pfund rutschte ab, zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Es war, als würde für einige Tage der Satz nachhallen, den der frühere Chef der Liberaldemokraten, Paddy Ashdown, unmittelbar nach der Verkündung des Ergebnisses ausgestoßen hatte: „Gott helfe unserem Land!“

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