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Nigel Farage : Der Brexit-Tribun und seine Häutungen

Lange galt Nigel Farage als abgeschrieben. Doch nun könnte er mit seiner neuen Partei über Tories und Labour triumphieren.

          4 Min.

          Lange war es still gewesen um Nigel Farage, nachdem er, im Sommer 2016, seinen Rücktritt vom Amt des Ukip-Chefs bekanntgegeben hatte. Als er eine neue politische Bewegung ins Leben rief, nahm dies zunächst kaum jemand ernst. Doch das ist vorbei. Seit sich die „Brexit Party“ Anfang des Jahres gegründet hat, liefen ihr mehr als 100.000 zahlende Mitglieder zu. Inzwischen führt die Partei nicht nur die Umfragen an – sie darf erwarten, am 23. Mai mehr Stimmen zu erhalten als die Tories und die Labour Party zusammen. Von einer „Gezeitenwende“ spricht Farage und malt schon das Ende der 200 Jahre alten Konservativen Partei an die Wand.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das ist natürlich mit Vorsicht zu genießen, denn Europawahlen spielen in Britannien traditionell eine Sonderrolle. 2014 wurde die Ukip stärkste Partei, nur um wenige Jahre später in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Um Protest geht es auch dieses Mal, aber die nun anstehende Europawahl ist auf geradezu groteske Weise aufgeladen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung empfindet sie als absurd, weil sie vor bald drei Jahren für den Austritt gestimmt hat.

          Neben der üblichen Frustration dürfte sich also die Wut über den festgefahrenen Brexit-Prozess entladen. Die regierenden Tories, die die Wahl stets mit dem Begriff „bedauerlich“ belegen, führen nicht einmal richtig Wahlkampf. Weder haben sie den traditionellen „Auftakt“ inszeniert noch ein Programm vorgelegt. Es ist, als räumten sie die Bühne kampflos.

          Warum er immer noch als unseriös gilt

          Das ist Farages Stunde. Selbst die großen Medienhäuser kommen nicht mehr an ihm vorbei, und so durfte er auch in der „Andrew Marr Show“ auftreten, der ehrwürdigsten politischen Sendung in der BBC. Zweieinhalb Jahre lag sein letzter Auftritt zurück. Es war ein halbes Jahr nach dem Referendum, und Farage erklärte, die Nase voll zu haben von der Parteienpolitik; er sei „finished“. Jetzt sitzt er ausgeschlafen, ohne Ringe unter den Augen, im Studio und birst vor Energie. Aber Marr will mit Farage nicht über dessen Umfragerekorde sprechen, ihm keine Bühne bieten. Eisig hält er ihm Zitate vor, die zum Teil viele Jahre zurückliegen.

          Sei er noch immer der Meinung, dass die Besorgnis über den Klimawandel die dümmste Sache in der Geschichte der Menschheit sei? Wolle er noch immer den Gesundheitsdienst durch ein Versicherungssystem ersetzen? Fühle er sich noch immer unwohl, wenn er zu viele fremde Sprachen in der britischen Bahn höre? Irgendwann platzte Farage der Kragen: „Warum reden wir nicht über das Jetzt?“ Die BBC sei gar nicht interessiert an den grundlegenden Veränderungen im Land, schnaubte er.

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          Farage ist vielen ein rotes Tuch geblieben. Da hilft auch nichts, dass er die Ukip nach eigenen Angaben aus Protest gegen deren „antimuslimische Fixierung“ und deren Öffnung gegenüber Gestalten aus der rechten Szene verlassen hatte. In den etablierten politischen Kreisen gilt Farage weiterhin als unseriöser Volkstribun, der Stimmungen ausschlachtet. Aber das In-die-Ecke-Drängen Farages und dessen neuer Partei ist schwieriger geworden. Geschickt hat Farage achtgegeben, dass sich seiner „Brexit-Partei“ nichts Unappetitliches anhängen lässt.

          Das perfekte Wahlvideo

          Das Erste, was auf der Website der Partei ins Auge springt, ist eine schwarze Frau, die die neue Formation preist. In dem Video kommen noch andere Einwanderer zu Wort, und überhaupt ist die Werbebotschaft frei von Reizthemen – kein Wort über Ausländer, über den Islam, über den Klimawandel. Es geht nur um eines: dass die Briten von der etablierten Politik „verraten“ worden seien und nun die „Demokratie“ im Land wiederbeleben müssten. Die Palette von Persönlichkeiten, die Farage als Kandidaten für die Europawahlen gewann, könnte ausgewogener kaum sein. Politiker mit Migrationshintergrund sind darunter, ehemalige Tories und sogar ein früherer Kommunist.

          Das Gesicht der neuen Partei ist vor allem weiblich: Gerne zeigt sich Farage mit Annunziata Rees-Mogg, der Schwester des konservativen Brexit-Anführers Jacob Rees-Mogg. Annunziata Rees-Mogg ist keine Unbekannte; die Journalistin hatte mehrmals vergeblich für die Konservativen kandidiert. Nicky Page ist eine andere Vorzeigekandidatin – ein früheres Model, das lange Zeit Stadträtin für die Tories gewesen ist.

          In einem Interview mit dem „Sunday Telegraph“ erklärte Farage, dass der Kursschwenk, den die Ukip unter ihrem neuen Vorsitzenden Gerard Batten genommen hat, nicht der einzige Grund für seinen Austritt gewesen sei. „Ich kam 2015 zu dem Schluss, dass mich die Ukip in Wahrheit zurückhielt – der Entscheidungsprozess, der Mangel an Qualität vieler Leute, die da waren.“ Die Brexit-Partei sei dazu „kein Vergleich“. Er führe nun „ein Unternehmen, keine politische Partei“. Vorbild sei die italienische „Fünf-Sterne-Bewegung“, die sich vor allem über das Internet organisiert habe.

          Ziel: demokratische Revolution in Großbritannien

          Farage, der seine Partei jenseits von rechts und links verortet, will mehr Ausgleich zwischen den wirtschaftlich auseinanderklaffenden Regionen im Königreich schaffen und sieht vor allem die mehr als fünf Millionen Kleinunternehmer und Selbständigen als natürliche Partner. Die sähen die etablierten Parteien als ihre „Feinde“ an, glaubt er. Bislang hat Farage nicht mehr als Überschriften formuliert, aber unverkennbar ist der Ehrgeiz, keine „Ein-Punkt-Partei“ führen zu wollen.

          Beim Wahlkampfauftakt in Coventry sagte er kurz vor Ostern, dass das Zwei-Parteien-System „nicht in der Lage ist, mit dem Brexit klarzukommen“. Seine Partei sei aus „Ärger“ über diese Entwicklung entstanden, wolle diesen Impuls aber „ins Positive“ wenden. „Unsere Aufgabe ist es, alle Aspekte der Politik in diesem Land zu verändern“, sagte er. Das Ziel sei eine „demokratische Revolution“ in Großbritannien.

          In der Brexit-Frage vertritt Farage einen harten Kurs. Er will, dass das Königreich der EU ankündigt, sie ohne Deal – „nach den Standards der Welthandelsorganisation“, wie er gerne sagt – zu verlassen. Eine solche Ansage würde Brüssel nach seiner Sicht dazu bringen, binnen kürzester Zeit einen Freihandelsvertrag anzubieten. Sollte es anders kommen, würde Großbritannien zunächst ohne Abkommen austreten. „Die Briten haben dafür gestimmt, die EU zu verlassen, nicht dafür, sie mit einem Deal zu verlassen“, sagt er.

          Manche meinen ein Déjà-vu zu erleben. Schon einmal, zu Beginn des Jahrzehnts, hatte Farage den Konservativen zugesetzt und so das Land verändert. Damals setzten die Wahlerfolge der Ukip die Tories derart unter Druck, dass Cameron meinte, ihre Macht nur noch mit einem EU-Referendum retten zu können.

          Sollte es Farage jetzt in den Europawahlen gelingen, die Tories zu deklassieren, womöglich sogar in die Einstelligkeit zu drücken, könnte dies abermals zu Konvulsionen führen. Dass die Premierministerin ein solches Ergebnis politisch überleben würde, erscheint unwahrscheinlich. Ein Triumph für Farage, der als Plebiszit zugunsten eines harten Austritts verstanden würde, dürfte gleichzeitig die Erzbrexiteers in der Konservativen Partei stärken. Das könnte Nachfolgekandidaten wie Boris Johnson nützen.

          Aber Farage denkt darüber hinaus: „Am Ende dieser Kampagne werden wir deutlich größer sein als die Konservativen“, sagte er. Derzeit zählen die Tories 124.000 Mitglieder. Sollten die Konservativen keinen harten Brexit exekutieren und womöglich sogar ein zweites Referendum mit der Labour Party verabreden, sieht Farage das Ende der Tories nah. „Die Brexit Party wird dann die Konservative Partei ersetzen“, sagt er und zieht eine Parallele zur traditionsreichen Liberal Party, die vor hundert Jahren einen raschen Niedergang erlebt hat.

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