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Nigel Farage : Der Brexit-Tribun und seine Häutungen

Das Gesicht der neuen Partei ist vor allem weiblich: Gerne zeigt sich Farage mit Annunziata Rees-Mogg, der Schwester des konservativen Brexit-Anführers Jacob Rees-Mogg. Annunziata Rees-Mogg ist keine Unbekannte; die Journalistin hatte mehrmals vergeblich für die Konservativen kandidiert. Nicky Page ist eine andere Vorzeigekandidatin – ein früheres Model, das lange Zeit Stadträtin für die Tories gewesen ist.

In einem Interview mit dem „Sunday Telegraph“ erklärte Farage, dass der Kursschwenk, den die Ukip unter ihrem neuen Vorsitzenden Gerard Batten genommen hat, nicht der einzige Grund für seinen Austritt gewesen sei. „Ich kam 2015 zu dem Schluss, dass mich die Ukip in Wahrheit zurückhielt – der Entscheidungsprozess, der Mangel an Qualität vieler Leute, die da waren.“ Die Brexit-Partei sei dazu „kein Vergleich“. Er führe nun „ein Unternehmen, keine politische Partei“. Vorbild sei die italienische „Fünf-Sterne-Bewegung“, die sich vor allem über das Internet organisiert habe.

Ziel: demokratische Revolution in Großbritannien

Farage, der seine Partei jenseits von rechts und links verortet, will mehr Ausgleich zwischen den wirtschaftlich auseinanderklaffenden Regionen im Königreich schaffen und sieht vor allem die mehr als fünf Millionen Kleinunternehmer und Selbständigen als natürliche Partner. Die sähen die etablierten Parteien als ihre „Feinde“ an, glaubt er. Bislang hat Farage nicht mehr als Überschriften formuliert, aber unverkennbar ist der Ehrgeiz, keine „Ein-Punkt-Partei“ führen zu wollen.

Beim Wahlkampfauftakt in Coventry sagte er kurz vor Ostern, dass das Zwei-Parteien-System „nicht in der Lage ist, mit dem Brexit klarzukommen“. Seine Partei sei aus „Ärger“ über diese Entwicklung entstanden, wolle diesen Impuls aber „ins Positive“ wenden. „Unsere Aufgabe ist es, alle Aspekte der Politik in diesem Land zu verändern“, sagte er. Das Ziel sei eine „demokratische Revolution“ in Großbritannien.

In der Brexit-Frage vertritt Farage einen harten Kurs. Er will, dass das Königreich der EU ankündigt, sie ohne Deal – „nach den Standards der Welthandelsorganisation“, wie er gerne sagt – zu verlassen. Eine solche Ansage würde Brüssel nach seiner Sicht dazu bringen, binnen kürzester Zeit einen Freihandelsvertrag anzubieten. Sollte es anders kommen, würde Großbritannien zunächst ohne Abkommen austreten. „Die Briten haben dafür gestimmt, die EU zu verlassen, nicht dafür, sie mit einem Deal zu verlassen“, sagt er.

Manche meinen ein Déjà-vu zu erleben. Schon einmal, zu Beginn des Jahrzehnts, hatte Farage den Konservativen zugesetzt und so das Land verändert. Damals setzten die Wahlerfolge der Ukip die Tories derart unter Druck, dass Cameron meinte, ihre Macht nur noch mit einem EU-Referendum retten zu können.

Sollte es Farage jetzt in den Europawahlen gelingen, die Tories zu deklassieren, womöglich sogar in die Einstelligkeit zu drücken, könnte dies abermals zu Konvulsionen führen. Dass die Premierministerin ein solches Ergebnis politisch überleben würde, erscheint unwahrscheinlich. Ein Triumph für Farage, der als Plebiszit zugunsten eines harten Austritts verstanden würde, dürfte gleichzeitig die Erzbrexiteers in der Konservativen Partei stärken. Das könnte Nachfolgekandidaten wie Boris Johnson nützen.

Aber Farage denkt darüber hinaus: „Am Ende dieser Kampagne werden wir deutlich größer sein als die Konservativen“, sagte er. Derzeit zählen die Tories 124.000 Mitglieder. Sollten die Konservativen keinen harten Brexit exekutieren und womöglich sogar ein zweites Referendum mit der Labour Party verabreden, sieht Farage das Ende der Tories nah. „Die Brexit Party wird dann die Konservative Partei ersetzen“, sagt er und zieht eine Parallele zur traditionsreichen Liberal Party, die vor hundert Jahren einen raschen Niedergang erlebt hat.

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