https://www.faz.net/-icu-8ioo8

Brexit : Hello Goodbye

  • -Aktualisiert am

Misstrauen gegenüber der EU – das ist mitnichten ein rein britisches Phänomen. Bild: AFP

Die Europäische Union bringt ihre Gegner nicht selbst hervor. Das ist nur deren Behauptung. In Wirklichkeit ist es nur eine dünne Schicht in Europa, der diese Union am Herzen liegt. Ein Kommentar.

          5 Min.

          Großbritannien will hinaus aus der Europäischen Union. Das ist sein gutes Recht, denn schließlich handelt es sich bei der Union nicht um einen Zwangsverband. Die Briten haben sich ohnehin nie leichtgetan mit ihrer Mitgliedschaft. Sie kamen überhaupt erst 1973 an Bord, und mehr aus Not als Überzeugung.

          Obwohl England zu den Siegern des Zweiten Weltkrieges gehörte, war es danach nicht mehr richtig auf die Beine gekommen. Großmacht zu sein (jetzt heißt es „eine europäische Großmacht“) gehörte quer durch alle Gesellschaftsschichten zum britischen Selbstgefühl.

          Aber in Wirklichkeit war es 1945 damit vorbei, schlimmer noch: Seit Beginn der sechziger Jahre herrschte auf der Insel eine wirtschaftliche Dauerkrise, gekennzeichnet durch steigende Arbeitslosigkeit, ebenso steigende Inflation und, seit Mitte der sechziger Jahre, einen stetigen Verfall der Kaufkraft des Pfundes. Nach der sogenannten Ölkrise stieg die Inflation in Großbritannien 1974 und 1975 so steil an, dass sie schließlich nahezu 27 Prozent erreicht hatte – praktisch wie in einem Schwellenland.

          So, wie man einst das zerfallende Osmanische Reich den „kranken Mann am Bosporus“ genannt hatte, bürgerte es sich nun ein, Großbritannien den „kranken Mann Europas“ zu nennen. Die Krankheit saß im Rückenmark: eine fortschreitende De-Industrialisierung; ausgerechnet jenes Landes, das einst die Lokomotive der europäischen Industrie gewesen war.

          Dazu trug bei, dass der französische Staatspräsident de Gaulle zu Beginn der sechziger Jahre Großbritannien den Weg in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft verstellt hatte, gegen den Willen der Bundesregierung. Und zu Lasten der britischen Wirtschaft, der damit der freie Marktzugang verwehrt wurde. Das rettende Ufer erreichten die Briten 1973 gerade noch rechtzeitig (bekräftigt durch ein Referendum 1975), um sich schließlich zu sanieren. Der Niedergang der Industrie ließ sich freilich nicht mehr umkehren. Die Tür zum Ausstieg hielten sich die Briten offen, als sie dem Euro nicht beitraten.

          Es gehört zur Propaganda, so zu tun, als sei man fremdbestimmt

          Aus der Eurozone auszuscheiden wäre viel schwieriger. Aus der Union auszuscheiden ist leichter, auch wenn es knirscht. Da rauscht dann eben das Pfund in den Keller, und für die Wirtschaft Großbritanniens geht es auf den Spuren von Austin Powers zurück in die Sixties, als die Leute noch jung waren, die jetzt als Alte die Jungen von heute dorthin zurückschicken. Die Mehrheit der Briten unter 50 wäre lieber bei uns geblieben, in der Europäischen Union. Vergangenheit gegen Zukunft, und die Vergangenheit hat gewonnen; offensichtlich ist das auch eine Frage der Demographie. You say Goodbye, and I say Hello.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.