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Brexit : Einig nur im Optimismus

Ein Wahllokal in London Bild: Reuters

„Should we stay or should we go“? Auch am Tag der Abstimmung bewegt die Frage nach dem Verbleib in der EU die Gemüter der Briten. Eindrücke aus einem gespaltenen London.

          Die britischen Punker von „The Clash“ stellten einst eine Frage, die heute so aktuell ist, wie kaum zuvor. Die Briten sollen in den Wahllokalen darüber entscheiden, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht: „Should I stay or should I go“?

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Die letzten Umfragen zeigten ein tief gespaltenes Land. Rund die Hälfte der Bevölkerung wollte gehen und die andere Hälfte bleiben. In einem waren sich aber alle einig: Die Frage bewegt die Gemüter. Auch am Tag der Abstimmung.

          Donnerstagmorgen in Londons Süden: Auf dem Parkplatz der Leeson Primary School in St. Paul´s Cray ist kaum noch ein Parkplatz frei. Menschen eilen in das Wahllokal, machen ihr Kreuz und eilen wieder weg. Es ist schließlich ein Arbeitstag.

          St. Paul´s Cray sieht so aus, wie man sich eine englische Siedlung vorstellt: Rote Reihenhäuser mit Schornsteinen auf dem Dach ducken sich in die Landschaft. Um den Bahnhof herum ballt sich die örtliche Wirtschaft, ein kleiner Supermarkt, zwei Reinigungen, ein Café und ein Schönheitssalon. Bis auf das vereinzelte Tassenklappern aus dem Café ist alles ruhig.

          Einer, der schon am Vormittag ins Wahllokal direkt rechts hinter den Mülltonnen der Leeson Primary School geht, ist ein älterer Herr, der sich nur als John vorstellt. Der Hauptgrund warum er für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt habe, sagt er, sei, dass die Bürokraten in Brüssel, die er nicht gewählt habe nur „stupid Laws“ verabschiedeten, die er nicht verstehe. Besonders die Bewegungsfreiheit in Europa brauche er nicht. Sie helfe nur Terroristen von Belgien nach Paris zu kommen, dort ihre Anschläge zu verüben und danach wieder in Brüssel unterzutauchen.

          Außerdem gelangten durch den Wegfall der Grenzen immer mehr Immigranten nach Großbritannien und „die brauchen wir in diesem Land nicht“, sagt der 77 Jahre alte Rentner und tippt energisch mit dem Zeigefinger auf seine gelbe Einkaufstasche. Sie hätten dafür gesorgt, dass die Löhne für die britischen Arbeiter in den Keller gegangen seien, was nur den großen Unternehmen nutze, die die Arbeiter ausbeuteten.

          Ganz ähnlich sieht das auch Paul Hawkins. Der 55 Jahre alte Bäcker sagt zwar, dass ein Verbleib oder ein Ausscheiden aus der EU ihn und seine Arbeit nicht so sehr beträfen, denn er mache seine Geschäft nur in England, doch er sei überzeugt, dass er die richtige Entscheidung getroffen habe, besonders für seinen Sohn. Anfänglich sei die Europäische Gemeinschaft ja vielleicht noch eine gute Sache gewesen, damals, als es nur um die Wirtschaft ging, doch von der politischen Union halte er gar nichts.

          Auf dem Parkplatz herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Besonders ältere Menschen wollen ihr Kreuz machen. Einige begrüßen einander, beglückwünschen sich, für den Austritt gestimmt zu haben, und sind zufrieden, damit ihren Teil dazu beigetragen zu haben, das eigene Land zurückzubekommen, wie es ein Großteil der Brexit-Befürworter ausdrückt. Dann klopfen sie sich auf Schultern und gehen ihrer Wege. Es gibt allerdings auch ein paar Unzufriedene. Sie erzählen, dass in London auch Immigranten an der Wahl teilgenommen haben sollen, obwohl sie eigentlich nicht das Recht darauf hätten. Hoffentlich komme das ans Licht, sagen sie im Weggehen.

          Worüber sich alle einig sind, ist die Wichtigkeit der Entscheidung. Sie ist so wichtig, dass ein Müllfahrer am Straßenrand hält, schnell ins Wahllokal geht, seine Stimme abgibt und dann seine Arbeit wieder aufnimmt.

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