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Brexiteffekt lässt nach : Weniger Briten lassen sich einbürgern

  • Aktualisiert am

Ein Brexit-Anhänger am 16. März bei einer Kundgebung in Sunderland Bild: AFP

2018 haben genauso viele Menschen einen deutschen Pass erhalten wie im Jahr zuvor. Einen deutlichen Zuwachs verzeichnet das Statistische Bundesamt bei der größten Gruppe.

          Im vergangenen Jahr haben 112.300 Menschen mit ausländischem Pass die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, blieb damit die Zahl der Einbürgerungen im Vergleich zum Vorjahr nahezu konstant. Die größte Gruppe war im vergangenen Jahr demnach abermals die der türkischen Staatsangehörigen: Mit 16.700 Einbürgerungen gab es bei ihnen einen Zuwachs um 11,5 Prozent im Vergleich zu 2017. Die türkischen Neudeutschen stellten zwar die größte Einzelgruppe, schöpften aber nach Angaben der Statistiker ihr „Einbürgerungspotenzial“ nur zu 2,19 Prozent aus. Dieses bezieht die Zahl der Einbürgerungen auf die Zahl derjenigen, die zehn Jahre oder länger in Deutschland leben und damit in der Regel alle Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllen.

          Viele Türken wären viel eher bereit, sich einbürgern zu lassen, wenn sie die türkische Staatsbürgerschaft beibehalten könnten, vermutet der Berliner Rechtsanwalt Sükrü Uslucan, der sich unter anderem mit rechtlichen Fragen zur Staatsangehörigkeit befasst. „Vielleicht spielt auch die Entwicklung der Türkei in den letzten Jahren eine Rolle“, meint er zu dem Anstieg der Einbürgerungen.

          Der Bielefelder Soziologe Thomas Faist verweist zudem auf starke emotionale Bindungen vieler Türken in ihr Herkunftsland, auch über Generationen hinweg. „Auch die von Türken wahrgenommene Diskriminierung in Deutschland führt dazu, sich nicht gleich einbürgern zu lassen“, sagt der Migrationsforscher.

          Rückgang bei den Briten

          Auf Platz zwei der Einbürgerungen lagen die Briten. Allerdings war bei ihnen ein Rückgang von 7500 Einbürgerungen im Jahr 2017 auf 6600 im vergangenen Jahr zu verzeichnen. Dies könne darauf hinweisen, dass sich der Brexit-Effekt abschwäche, hieß es: Von 2016 bis 2018 gab es insgesamt 17 000 Einbürgerungen britischer Staatsangehöriger. In den 15 Jahren zuvor hatten sich nur 4800 Briten entschieden, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Die Briten hatten im Juni 2016 für den Austritt aus der EU gestimmt.

          Unter den EU-Staaten mit mehr als 1000 Einbürgerungen lag Großbritannien beim ausgeschöpften Einbürgerungspotenzial mit 8,9 Prozent ganz vorne, gefolgt von Rumänien mit 6,9 Prozent und Bulgarien mit 4,9 Prozent. Traditionell ist das Interesse von EU-Bürgern an einer Einbürgerung relativ gering, da für sie ohnehin Freizügigkeit und Zugang zum Arbeitsmarkt gelten.

          Serben erleben hohen Zuwachs

          Einen besonders hohen prozentualen Zuwachs bei den Einbürgerungen gab es bei den Serben: Zwar erhielten nur 2475 Menschen aus der Balkanrepublik einen deutschen Pass, im Vergleich zum Vorjahr aber war dies ein Plus um 26,9 Prozent.

          Vor allem Angehörige aus Drittstaaten außerhalb der EU nutzten die Möglichkeit der Einbürgerung. Sie schöpften nicht nur ihr Einbürgerungspotenzial deutlich stärker aus, sondern verzeichneten im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme der Menschen mit deutschem Pass. So gab es bei den Irakern 4080 Einbürgerungen, ein Zuwachs um 17,2 Prozent. 2880 Syrer erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft, ein Plus von 16,2 Prozent, während es bei den Iranern mit 3080 Einbürgerungen um 14,5 Prozent nach oben ging.

          „Möglichst bald eine abgesicherte Position zu erreichen, hat meines Erachtens sehr viel damit zu tun“, sagt der Soziologe Faist. „Ich denke, dass gerade bei denen, die sich einbürgern lassen, die Einschätzung sehr hoch ist, dass sich die Lage in den ehemaligen Heimatländern in nächster Zeit nicht verbessern wird.“ Die Einbürgerung sei für die Gruppe der Flüchtlinge gewissermaßen auch eine endgültige Abkehr vom Heimatland, so Anwalt Uslucan. „Wenn man da rauskommt, hat man nicht vor, so schnell zurückzukehren“, sagt er über Konflikt- und Krisenländer. Hinzu kämen pragmatische Gründe wie ein sicherer Aufenthaltsstatus und Schutz vor Abschiebung.

          Welche Rolle spielt die Einbürgerung für die Integration?

          „Diejenigen, die sich schon als gut integriert sehen, vollziehen eher den Schritt zur Einbürgerung. Das ist eindeutig so“, sagt Faist. Andererseits sei die Einbürgerung „dann noch mal ein Schub im Hinblick auf das Gefühl der Zugehörigkeit, aber auch in Hinblick auf die soziale Interaktion“. In der Regel seien die Eingebürgerten sozial vernetzter mit Kontakten nicht nur zu anderen Migranten. „Im Zweifelsfall ist Einbürgerung etwas, was den Integrationsstatus verbessert“, sagt Uslucan - auch, wenn viele den Eindruck hätten, dass sie auch mit deutschem Pass für manchen deutschen Mitbürger weiter nur „der Türke“ blieben. „Man bekommt ja auch ein gewisses Selbstbewusstsein, weil man sagen kann: ich bin genauso deutsch wie du. Ich gehör auch dazu.“

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