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Britische Presse über Brexit : „Sie sollten ihre Häupter in Schande senken“

  • -Aktualisiert am

Dass Theresa May das Unterhaus am Donnerstag über den harten Brexit abstimmen lässt, ist laut dem „Guardian“ ein „beschämender und erstaunlicher Verantwortungsverzicht“. Bild: dpa

Theresa May ist mit ihrem Brexit-Deal ein zweites Mal gescheitert. Die britischen Medien überbieten sich mit vernichtenden Urteilen: Von einer „krächzenden Horrorshow“ ist die Rede, von Verzweiflung und Kontrollverlust.

          Obwohl die britische Premierministerin der EU in letzter Sekunde Zugeständnisse zur „Backstop“-Regelung für Nordirland abgetrotzt hatte, wurde der erweiterte Deal von den britischen Abgeordneten am Dienstagabend abermals mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – mit 391 zu 242 Stimmen. Für die britische Presse ein Trümmerfeld, das sie wortgewaltig beklagt.

          Der „Guardian“ bezeichnet Mays Niederlage im britischen Unterhaus als „demütigend“ und „katastrophal“. Ein Kommentar erinnert daran, dass nicht die EU die Schuld dafür trage. Die konservativen „Brexiteers“ – die Austrittsbefürworter – hätten ihre eigene Tory-Partei sowie die Regierung zu Fall gebracht: „Diejenigen, die versprachen, der Austritt aus der EU bedeute, ,die Kontrolle zurückzugewinnen', haben stattdessen jedwede Kontrolle verloren.“ Die Tories tragen dem Guardian zufolge die Verantwortung am „Brexit-Albtraum“ und das Unterhaus sei nunmehr ein „Parlament des Chaos“. Die Entscheidung von May, die Abgeordneten am Donnerstag über den Austritt ohne Deal abstimmen zu lassen, sei ein „beschämender und erstaunlicher Verantwortungsverzicht – oder nur Verzweiflung angesichts des Kollapses von Autorität“.

          Auch die „Times“ sieht Großbritannien „in die Verzweiflung getrieben“. Das Scheitern des Deals habe eine politische Krise ausgelöst. Es werde spekuliert, dass mächtige Tories die Premierministerin zur Abdankung bewegen wollten. Auch wirtschaftlich verursache das Votum Schaden. Das britische Pfund verlor gegenüber dem Euro und dem Dollar abermals an Wert und Unternehmer forderten das Parlament auf, den „Zirkus zu beenden“.

          Die „Sun“ titelt im Hinblick auf Theresa Mays versagende Stimme während der Parlamentssitzung mit „krächzende Horrorshow“. In einem Kommentar wettert sie aber weniger gegen die Premierministerin als gegen das Unterhaus: „Dieses Parlament aus Zwergen hat das britische Volk verraten und verkauft, indem es Theresa Mays Deal niederstimmte.“ Sie fährt fort: „Unsere Politiker sollten ihre Häupter in Schande senken, während dieses Land in einem Chaos versinkt, der Familien und angeschlagene Unternehmen in Schrecken versetzt.“

          Für die „Daily Mail“ sind die Schuldigen an dem Desaster leicht auszumachen: „Verächtliche Parlamentarier haben sich dazu entschieden, unsere verzweifelnde Nation ins Chaos zu stürzen“, indem sie Mays Vorschlag ablehnten. Sie hätten versagt, den Brexit zu liefern, für den die Briten vor drei Jahren gestimmt hätten. Das britische Unterhaus sei daher zu einem „Haus der Narren“ verkommen. Mays gewaltige Niederlage habe die Tür für drastische Optionen wie den „harten“ Brexit oder ein zweites Referendum geöffnet.

          Der „Independent“ fordert eine finale Entscheidung. May sei die Kontrolle über den Brexit entglitten: „Sie ist im Amt, aber nicht mehr an der Macht.“ Ihr Plan B sei eigentlich Plan A, nämlich um jeden Preis ihren Deal durchzudrücken, auch trotz ihrer Demütigung am Dienstag. Sie erwarte, dass das Unterhaus die Option des „harten“ Brexits vom Tisch nimmt, womit der Weg für ein drittes Votum über einen May'schen Austritts-Deal offen wäre.

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