https://www.faz.net/-icu-9l487

Brexit-Debatte : Die britische Verklärung

  • -Aktualisiert am

Zurück zu alter Größe? Brexit-Befürworter demonstrieren für den EU-Austritt. Bild: AFP

Zurück zu alter Größe? Brexit-Enthusiasten beweisen ein gehöriges Maß an Verblendung, wenn sie das heutige Großbritannien als „globale Macht“ bezeichnen. Dabei kann ein Blick in die Geschichtsbücher durchaus lohnenswert sein.

          Blicke in die eigene Geschichte sind für Deutsche umständehalber oft ziemlich unerfreulich, weil der Abgrund, in den sie blicken, besonders tief ist. Da gibt es auch nichts zu relativieren. Anderswo neigt man beim Blick in die Vergangenheit nicht selten zur Verklärung. Das gilt nicht nur für Russland oder China. Die Verklärung vergangener Größe ist integraler Bestandteil der Brexit-Debatte im Vereinigten Königreich. Dabei werden von Brexit-Enthusiasten Begriffe, die in der Vergangenheit unzweifelhaft zutrafen, munter auf die Gegenwart und sogar auf die Zukunft angewendet. Zwar hat das Königreich bis heute ein im Prinzip entspanntes Verhältnis zu seinen Streitkräften und deren Einsätzen in Übersee. Aber es gehört schon ein gehöriges Maß an Verblendung dazu, das heutige Großbritannien – offensichtlich voller Überzeugung – als „globale Macht“ zu bezeichnen.

          Wer es wagt, vor großen Schwierigkeiten zu warnen, die dem Land im Falle eines ungeordneten Brexits drohen könnten, wird gerne mit Beispielen aus der (vermeintlich) glorreichen Geschichte abgespeist. Krisen habe es immer wieder gegeben, aber Großbritannien habe sie alle überstanden. Das stimmt, ist aber dennoch ein ziemlich schwaches Argument. Denn nicht einmal die größten Nostalgiker können behaupten, dass Großbritannien in den vergangenen Jahrzehnten, global betrachtet, stärker geworden sei.

          Winston Churchill forderte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein vereinigtes Europa, weil die Einzelstaaten gegenüber den großen Mächten Vereinigte Staaten und Sowjetunion zu schwach seien. Der Kriegspremierminister saß aber der Illusion auf, sein Land könne eine unabhängige Rolle neben diesem Europa und den beiden Supermächten spielen. Das kann man einem Mann, der im Viktorianischen Zeitalter sozialisiert wurde, verzeihen. Aber wenn heute ähnliche Phantasien gepflegt werden, ist das mehr als bedenklich.

          De Gaulle machte Briten das Leben schwer

          In der politischen Praxis haben britische Regierungen seit 1945 eine Menge richtig gemacht. Sie haben sich aus dem riesigen Kolonialreich zurückgezogen, und dieser Rückzug war meist weniger konfliktbeladen als zum Beispiel derjenige der anderen großen europäischen Kolonialmacht Frankreich. Sie haben die machtpolitischen Gegebenheiten der modernen Welt akzeptiert und die britischen Möglichkeiten darin so gut wie möglich ausgeschöpft.

          Aber emotional und mental ist ein Teil der konservativen Elite dem Empire und der daraus resultierenden Position Großbritanniens in der Welt bis heute nicht entwachsen. Psychologisch mag es ja hilfreich sein, durch Beschwörung einer als glorreich empfundenen Vergangenheit die zuweilen triste Gegenwart erträglicher zu machen. Aber wieso kann man eigentlich nur, zum Beispiel, auf das Erreichen der globalen Seeherrschaft stolz sein, nicht aber auf das, was Großbritannien im Rahmen der EU geleistet hat?

          Die Beziehung Londons zur Europäischen Gemeinschaft stand womöglich von Anfang an unter einem schlechten Stern. Ein anderer Großmacht-Nostalgiker nämlich machte den Briten das europäische Leben unnötig schwer: General de Gaulle wollte in der Gemeinschaft keine weiteren Götter neben sich dulden. Deshalb konnte Großbritannien erst nach seinem Ausscheiden Mitglied werden. Hätte sich London in die kontinentale Gemeinschaft problemlos(er) eingefunden, wenn es diese mit aus der Taufe gehoben hätte? Das ist eine unhistorische Spekulation, die zu nichts führt.

          Thatcher hielt das Land im Klub

          Unzweifelhaft fremdelte das Land aber seit dem Beitritt mit vielem, was die Gemeinschaft kennzeichnete. Diese hat davon aber durchaus auch profitiert; in der aktuellen Aufregung über den Austritt Großbritanniens wird das gerne verdrängt. Und da es in der internationalen Politik so etwas wie Liebesbeziehungen nicht gibt, hätte nichts gegen die Fortsetzung der pragmatischen Partnerschaft Großbritanniens mit seinen Partnern gesprochen. Wie weit diese bereit waren, auf britische Eigenwilligkeiten einzugehen, zeigte sich in den Jahren der Regierungszeit Margaret Thatchers. Diese Premierministerin setzte die Interessen ihres Landes so erbarmungslos wie möglich durch. Aber sie blieb im Klub, weil sie wusste, dass es gut so war für Großbritannien.

          Sind Thatchers politische Nachfahren nun so viel klüger, weil sie das Land aus der Gemeinschaft glauben führen zu müssen? Die Rees-Moggs und Johnsons dieser Welt würden diese Frage sicher mit Ja beantworten. Aber die Realität weicht von der Selbsteinschätzung zuweilen weit ab.

          Deshalb will auch der Blick in die Geschichte gelernt sein. Es ist wahrlich ein Glück für die ganze Welt gewesen, dass das zweite Halbjahr 1940 so verlaufen ist, dass Churchill es zur „Finest hour“ einer schwer bedrängten Nation erheben konnte. Aber heutzutage wieder so etwas wie den Geist von Dünkirchen zu beschwören zeugt von einer Geisteshaltung, die man mit bösen Begriffen charakterisieren könnte. Ganz sicher ist es aber das, was der Franzose Talleyrand als das so ziemlich Schlimmste in der Politik ansah: ein Fehler.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Geteilte Welt

          FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

          Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber am späten Sonntagabend in Brüssel.

          Weber zu Europawahl-Ergebnis : „Ein großer Sieg für Europas Demokratie“

          Die EVP wird wieder stärkste Kraft im Europaparlament – trotz deutlicher Verluste. Als Gewinnerin sieht Spitzenkandidat Weber seine Fraktion nicht. Im Rennen um den Posten des Kommissionspräsidenten stellt er trotzdem klare Bedingungen.

          TV-Kritik: Anne Will : Lieber Klimakrise als Flüchtlingskrise lautet das Motto

          Union und SPD fehlte bei der Europawahl die Kraft zur harten Auseinandersetzung. Bei Anne Will machen Armin Laschet und Sigmar Gabriel die Hilflosigkeit ihrer Parteien sichtbar. Insgesamt ähnelt Deutschland in einem Punkt dem restlichen EU-Europa.
          Das Logo von  Fiat-Chrysler

          Automobilmarkt : Fiat Chrysler will mit Renault fusionieren

          Fiat Chrysler und Renault prüfen einen Zusammenschluss. Das bestätigten beide Unternehmen am Montag. Der riesige Verbund würde den bislang größten Autokonzern der Welt VW bei den Verkäufen überholen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.