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Mays Rücktritt : Ein bitterer Abschied

Mindestens ein Dutzend Bewerber

Mit mindestens einem Dutzend Bewerber wird gerechnet, unter ihnen fast alle Minister mit Rang und Namen, von Jeremy Hunt (Außenbeziehungen) über Sajid Jarvis (Inneres) bis Penny Mordaunt (Verteidigung) und Rory Stewart (Entwicklungshilfe). Mit Abstand am beliebtesten ist bei den Mitgliedern aber ein ehemaliges Kabinettsmitglied: der frühere Außenminister Johnson. Die Umfragen, die das seit Wochen dokumentieren, werden es der Fraktion schwer machen, Johnsons Nominierung zu verhindern. Anderseits, rief Ken Clarke, der Alterspräsident des Unterhauses am Freitag in Erinnerung, gehöre es beinahe zur Tradition der Partei, dass es der Favorit nicht schafft. Clarke weiß auch aus eigener Erfahrung, wovon er spricht; er war selbst einmal als „frontrunner“ in der entscheidenden Abstimmung unterlegen.

Sollte „Boris“ auf die Liste für die Urwahl gelangen, wäre auch ein kurzer Prozess denkbar, weil der Gegenkandidat möglicherweise wegen Aussichtslosigkeit aufgibt und Johnson ohne Urwahl ins Amt kommt. May selbst war es im Sommer 2016 so ergangen. Damals blies Andrea Leadsom ihre Kandidatur ab, dieselbe Frau, die am Mittwoch aus dem Kabinett geschieden ist und nun wohl ein weiteres Mal für das höchste Amt antreten wird. Die Vorgänge vom Sommer 2016 dienen allerdings vielen Tories als Negativbeispiel.

Johnson muss keinen Nachweis mehr erbringen

Hätte May in einem Urwahlkampf ihre Kampagnenfähigkeit unter Beweis stellen müssen, hätte sich die Partei viel Kummer ersparen können, argumentieren sie. Johnson muss keinen Nachweis mehr als erfolgreicher Wahlkämpfer erbringen; nachdem er zweimal im „roten London“ Bürgermeister wurde, sind seine Stärken auf diesem Feld unumstritten. Seine Gegner hoffen aber, dass er sich während eines langen Wahlkampfs an der Basis „politisch entzaubern“ könnte. Er müsste jedenfalls ein Konzept für den Brexit vorstellen, das sich zur Zeit nur erahnen lässt, und es in Podiumsdiskussionen verteidigen.

May erinnerte in ihrer Rücktrittsrede an einen Rat, den sie einst bekommen habe: „einen Kompromiss nie als schmutziges Wort zu bezeichnen“. Das ganze Leben hänge von Kompromissen ab, sagte sie, und es klang ein bisschen, als wolle sie damit einem Nachfolger die Realitäten vor Augen halten – vielleicht sogar ein bisschen ihr eigenes Versäumnis. Sie selbst hatte ja erst spät, viele sagen: zu spät, versucht, eine Einigung über die Parteigrenzen hinweg zu erreichen. Die Äußerung wurde jedenfalls als kaum versteckter Hinweis interpretiert, dass sie ihr Büro in Downing Street ungern an Johnson übergeben würde. Das zu verhindern, könnte sie sogar als ihre letzte Aufgabe betrachten, aber auch diese hat gute Aussichten, unerledigt zu bleiben.

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