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Nach Mays Rücktritt : Wer übernimmt in 10 Downing Street?

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Premierministerin Theresa May hat ihren Rücktritt zum 7. Juni angekündigt – für ihre Nachfolge kursieren bereits einige Namen in der Konservativen Partei. Welcher Kandidat hat die besten Aussichten?

          Die britische Premierministerin Theresa May will zum 7. Juni als Parteivorsitzende der Konservativen – und damit auch als Premierministerin – abtreten. In der Konservativen Partei ist das Rennen um ihre Nachfolge bereits entbrannt. Die Regeln der Partei sehen dafür zwei Voten vor. Zuerst stimmen die Parlamentarier in Westminster in mehreren Durchgängen über das Bewerberfeld ab. Nach jedem Wahldurchgang wird der Kandidat mit den wenigsten Stimmen gestrichen, bis am Ende nurmehr zwei Bewerber übrig bleiben.

          Diese müssen sich dann allen Parteimitgliedern zur Wahl für den Parteivorsitz stellen. Weil Queen Elisabeth den Vorsitzenden der Partei mit den meisten Sitzen im Unterhaus mit der Regierungsbildung beauftragt, würde der Sieger dieser Abstimmung auch nächster Premierminister des Vereinigten Königreichs werden. Doch welche Politiker wollen die Nachfolge Theresa Mays überhaupt antreten?

          Boris Johnson

          Der ehemalige Bürgermeister Londons war wohl das prominenteste Gesicht der „Leave“-Kampagne im Vorfeld des Brexit-Referendums. Er wird gemeinhin als Favorit auf die Nachfolge Mays gesehen. Nachdem die Abstimmung über den Brexit gewonnen war, zögerte Johnson noch, das Amt des Premierministers für sich zu beanspruchen und ließ lieber Theresa May den Vortritt. Er übernahm stattdessen von 2016 bis 2018 das Außenministerium und wurde zum ärgsten Kritiker der Premierministerin innerhalb des Kabinetts. Im Mai hat er nun allerdings doch festgelegt und gesagt: „Natürlich werde ich antreten.“ Von den aussichtsreichen Kandidaten steht Johnson den harten Brexiteers und einem Austritt des Vereinigten Königreichs ohne Abkommen am nächsten.

          Meint er es dieses Mal ernst? Boris Johnson gilt aus aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge Theresa Mays.

          Dominic Raab

          Dominic Raab war Brexit-Minister in Mays Kabinett, bevor er wegen seiner Ablehnung des Austrittsabkommens gemeinsam mit Boris Johnson zurücktrat. Er bevorzugt ein Abkommen mit der EU – hält jedoch den von ihm mitverhandelten Austrittsvertrag für „schlimmer, als in der EU zu bleiben“, wie er dem „Guardian“ im November 2018 sagte. Raab versucht mittlerweile recht offensiv, sich als nächsten Premierminister ins Spiel zu bringen – wie etwa in einem Interview mit der „Times“ oder mit dem semi-offiziellen „Ready for Raab“-Twitter-Account.

          Dominic Raab lehnt das Austrittsabkommen von Theresa May ab – ohne aber mit seinen eigenen Ambitionen zu offenbaren.

          Andrea Leadsom

          Andrea Leadsom führte bis zum 22.Mai die konservative Fraktion im Unterhaus an. Bereits 2016, im Anschluss an das Brexit-Votum, hatte sie sich für den Vorsitz der Konservativen Partei beworben. Weil ihr der Rückhalt in der Fraktion fehlte, zog sie sich schließlich aus dem Rennen zurück und Theresa May zog in 10 Downing Street ein. Mit ihrem Rücktritt als Fraktionsvorsitzende am Mittwoch, den sie mit der Ablehnung von Mays Zugeständnis an die Opposition bezüglich eines zweite Referendums begründet hat, bringt sie sich abermals für eine Kandidatur für das höchste Amt in Stellung. Ihre Chancen werden dennoch eher als gering eingestuft. Leadsom ist bekennender Brexiteer und hat in der Fraktion in den vergangenen Jahren besonders durch ihr resolutes Umgehen mit Speaker John Bercow an Respekt gewonnen.

          Andrea Leadsom ist erst am Mittwoch als Fraktionsvorsitzende der Konservativen im Unterhaus zurückgetreten.

          Jeremy Hunt

          Boris Johnsons Nachfolger als Außenminister gilt als bevorzugte Option der etablierten Kräfte in der konservativen Partei. Jeremy Hunt ist jedoch unpopulär bei der Bevölkerung – als früherer Gesundheitsminister hat er die Einsparungen im staatlichen Gesundheitssystem zu verantworten. Sein Vorteil könnte sein, dass er als Verfechter eines weicheren Brexits gesehen wird, was ihn auch für die Opposition attraktiv machen könnte. Hunt hat sich allerdings in den vergangenen Wochen mit seinen Auftritten ins Abseits manövriert. So zeigte er sich bei einem Wahlkampfauftritt unfähig zu erklären, warum die Wähler bei der Europawahl für die Konservativen stimmen sollten. Auch seine genauen Pläne für den Brexit sind bislang noch unklar.

          Auch Außenminister Jeremy Hunt hat sich bislang mit Kritik an der Premierministerin zurückgehalten.

          Sajid Javid

          Sajid Javid wurde zeitweise als aussichtsreichster Kandidat für Theresa Mays Nachfolge gesehen. Dass der Innenminister aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammt und später zu einem erfolgreichen Banker und Politiker wurde, wird als einer seiner Trümpfe angesehen. Ihm fehlt es jedoch an politischer Unterstützung in Westminister, die ihn ins Amt des Regierungschefs hieven könnte. Nachdem er im Vorfeld der Volksabstimmung die „Remain“-Seite unterstützt hatte, würde Javid nun Berichten zufolge einen Austritt ohne Abkommen akzeptieren, um zu verhindern, dass das Unterhaus den Brexit komplett kippt. Ähnlich wie für Raab wird auch für Javid auf Twitter offensiv geworben.

          Sajid Javids Aussichten, Premierminister zu werden, haben sich in jüngster Zeit verschlechtert.

          Matt Hancock

          Der Gesundheitsminister hat sich lange aus den Brexit-Streitereien innerhalb des Kabinetts herausgehalten. In den vergangenen Wochen hat seine Beliebtheit auch in der konservativen Partei stark zugenommen, sodass ihm zugetraut wird, die etablierten Kandidaten doch noch zu überholen. Hancock konnte sich dieses Jahr mit Plänen gegen Impfgegner und seinem Appell zu mehr Schutz von Jugendlichen in sozialen Netzwerken in der Öffentlichkeit profilieren. Er unterstützte das Abkommen Theresa Mays und sagte der BBC, ein Brexit ohne Abkommen werde nicht eintreten.

          Matt Hancock unterstützt die Politik von Premierministerin Theresa May bis jetzt.

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