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Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

  • -Aktualisiert am

Boris Johnson im April im Wahlkampf in seinem Wahlbezirk Uxbridge Bild: Reuters

Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

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          Auf der Hauptstraße des Londoner Vororts Uxbridge scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. Bereits der denkmalgeschützte Art-Déco Bahnhof, den man nach einer knapp einstündigen Bahnfahrt aus dem Stadtzentrum erreicht, ist auffallend sauber. Große Blumenkübel säumen die Hauptstraße, die Cafés sind gut besucht, es herrscht eine angenehme Betriebsamkeit. Von der sonst allgegenwärtigen Hektik und dem permanenten Lärm der Großstadt ist nichts zu spüren. Auch politisch ticken die Uhren in Uxbridge anders. Der Ort ist konservatives Kernland, ein so genannter „sicherer Sitz“. In den letzten 130 Jahren wurde das Mandat fast ausschließlich von Tory-Abgeordneten gewonnen. Wohl auch deswegen entschied sich Boris Johnson im Jahr 2015, nachdem er aus dem Amt des Londoner Bürgermeisters ausgeschieden war, für Uxbridge als seinen neuen Parlamentswahlkreis. Das ist ein gängiges Verfahren im Mehrheitswahlsystem des Vereinigten Königreichs, in dem prominente Kandidaten von den Parteien nicht über Listenplätze abgesichert werden können.

          Doch heimisch geworden ist Johnson in Uxbridge nie. Weder lebt er im Ort, noch hat er dort ein Wahlkreisbüro. Wer aus Uxbridge kommt und mit ihm sprechen möchte, muss den langen Weg über sein Büro im Unterhaus gehen. Dies ist im Vereinigten Königreich eher unüblich, denn die Verankerung des Kandidaten in der regionalen Parteibasis und die Bekanntheit vor Ort ist entscheidend für den Wahlerfolg. Dennoch gelang es Johnson bei den letzten Wahlen jeweils, rund 50 Prozent der Stimmen auf sich zu vereinen. Das liegt auch daran, dass es den Menschen in Uxbridge und den angrenzenden Stadtteilen überdurchschnittlich gut geht – die Lebensqualität ist hoch, die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist gering. Nichtsdestotrotz stimmten beim Brexit-Referendum 2016 rund 57 Prozent für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Selbst im krisengebeutelten Norden Englands war das Ergebnis in vielen Regionen nicht so eindeutig wie hier.

          Seitdem sind drei Jahre vergangen. Doch von einem Stimmungsumschwung, den die Demoskopen für das Vereinigte Königreich grundsätzlich beobachten, ist in Uxbridge nichts zu spüren. Im Gegenteil: Vor einem Café sitzt Susan, ihren vollständigen Namen will die ältere Dame nicht in der Zeitung lesen, an ihrer Haltung zum Brexit lässt sie jedoch keine Zweifel. Johnson sei der einzige Politiker, dem sie zutraue, den Brexit wirklich durchzusetzen. „Alle anderen sind zu weich dafür“, sagt sie. Gesehen habe sie den Premierminister zwar noch nie in seinem Wahlkreis, zufrieden sei sie aber trotzdem mit seiner Arbeit. Johnson solle mit den Europäern „den Boden wischen“, sie habe genug von der ewigen Diskussion über den Brexit. Auch die Schließung des Parlaments befürwortet sie. Dort säßen schließlich ohnehin nur Querulanten, die den Brexit verhindern wollten.

          Obwohl Susan die Wintermonate jedes Jahr in Spanien verbringt, glaubt sie nicht, dass der Brexit für sie persönlich negative Konsequenzen haben wird. Dass das Leben für britische Staatsbürger auf dem europäischen Festland im Falle eines harten Brexits komplizierter und schwieriger werden wird, kann sie sich scheinbar nicht vorstellen.

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