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Boris Johnson und Wilhelm II. : Zwillinge der falsch verstandenen Souveränitätsanbetung

  • -Aktualisiert am

Boris Johnson im Oktober in London Bild: dpa

Für Boris Johnson spielt in der Brexit-Frage nur die Machterhaltung eine Rolle. Mit diesem fehlgeleiteten Antrieb ähnelt er Wilhelm II. Der letzte deutsche Kaiser hat damit sein Reich verspielt, Johnson könnte ähnliches passieren. Ein Gastbeitrag.

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          Von ihrer Persönlichkeitsstruktur her könnten Boris Johnson, der 1964 als Alexander Boris de Pfeffel Johnson geborene heutige britische Premierminister, und Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, der als Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen 1859 das Licht der Welt erblickte, nicht unterschiedlicher sein. Während Wilhelm alles daran setzte, niemals peinlich aufzufallen und immer alles unter Kontrolle zu haben, sind bei Johnson im grellen Licht der Öffentlichkeit zum Vorschein kommende Peinlichkeiten sein politisches Markenzeichen.

          Aber bei aller charakterlichen Verschiedenheit könnte das politische Wirken dieser beiden Menschen für ihre jeweiligen Länder territorial zu einem ähnlich desaströsen Resultat führen. Wilhelms Kombination von Starrsinn und Imponiergehabe zog bekanntlich das Ende der Monarchie in Deutschland und massive territoriale Verluste nach sich.

          Der Nettoeffekt von Johnsons Treiben könnte sein, dass das Vereinigte Königreich auf einen Rumpfstaat England zurückschrumpft, auch wenn die Monarchie in dem einen verbleibenden Mitgliedstaat wohl Bestand haben würde. Mit Blick auf Schottland, Nordirland und sogar Wales jedenfalls setzt Johnson mit seinem Vorgehen in der Brexit-Frage die Einheit Großbritanniens aufs Spiel. Für ihn dreht sich alles um die maximale Machtwahrung seiner Tories. Dementsprechend redete Johnson mit Blick auf das Gesetz des Parlamentes, das einen „No Deal-Brexit“ verbietet, von einem „Kapitulationsakt“. Von dort ist der Weg zur „Dolchstoßlegende“ nicht mehr weit. Jedenfalls sprechen sich manche „Konservative“ schon jetzt für einen Volksaufstand aus, falls es doch nicht zum Brexit kommen sollte.

          Strukturell betrachtet ist das Kernproblem beider Männer ihre fehlgerichteten Obsessionen und insbesondere ihre Abhängigkeit von einem sehr engen Zirkel von Insidern. Wilhelm war vor 125 Jahren darauf fixiert, dass die britische Marineflotte die des kaiserlichen Deutschland nicht länger an der Anzahl von Schiffen und deren militärischer Potenz übersteigen sollte. Das war für ihn schlicht unerträglich.

          Boris Johnsons Obsession hingegen ist die Wiedererlangung der unbeschränkten Souveränität Großbritanniens. Er tut so, als ob eine solch absolute Form der Souveränität in der modernen Welt und im Zeitalter der Globalisierung wiedererlangt werden könnte.

          Was Boris und Wilhelm zudem eint, ist, dass sie so gut wie allen anderen Ländern gegenüber äußerst misstrauisch eingestellt sind. Sie sind beide wahre Suprematisten, weil sie bedingungslos an die Überlegenheit der eigenen Nation glauben.

          Dabei geben Boris Johnson und seine Männerriege zwar immer gerne an, dass sein Vorbild entweder Winston Churchill oder auch Charles de Gaulle sei. Sein engster Berater, Dominic Cummings, ist indes ein glühender Verehrer Bismarcks (also ausgerechnet des Mannes, den Wilhelm II. und seine Entourage immer als die Nemesis des jungen Kaisers betrachteten).

          Angesichts dieser angeblichen Vorbilder Johnsons ist es hochironisch, wie sehr er und sein Team von der inneren Struktur und Ausrichtung her dem Wilhelms ähneln. Die eigentliche Ursache für Wilhelms Scheitern beruhte auf zwei Faktoren – extremem Gruppendenken und einer Fixierung auf die falschen Statistiken. Erschwerend kommt hinzu, dass weder Wilhelm in irgendeiner Weise wirtschaftspolitisch versiert war beziehungsweise Johnson dies ist. Im ausgehenden 19. Jahrhundert mag das noch akzeptabel gewesen sein. Heute ist ein Mangel an wirtschaftlicher Kompetenz sehr viel schwerer verständlich.

          Wilhelm II. im Juli 1917 in Tarnopol
          Wilhelm II. im Juli 1917 in Tarnopol : Bild: Picture-Alliance

          Wilhelms Problem bestand darin, dass er sich mit den falschen Beratern umgab. Er und seine statusbesessenen Admirale waren wie Kinder von der Aufgabe fasziniert, eine mindestens ebenso große Flotte zu bauen wie die Briten sie hatten. Denn dann, so ihre Logik, würde auch Deutschland seinen Platz an der Sonne haben und eine Weltmacht darstellen.

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