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Brexit : Im Zweifel für die Story

Ähnelt Donald Trump optisch und kann auch polarisieren: Boris Johnson Bild: AP

In jüngeren Jahren war Großbritanniens Brexit-Ikone Boris Johnson Korrespondent für den „Daily Telegraph“ in Brüssel. Mit der Wahrheit nahm er es dort offenbar nicht immer so genau. 

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          Knapp vier Wochen vor dem Votum über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union sollte eigentlich für das EU-Spitzenpersonal folgende Faustregel gelten: Schweigen ist Gold, Reden ist Silber – und Reisen nach Großbritannien sind derzeit tabu. Als Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker beim G7-Gipfel im rund 9000 Kilometer vom Brüssel entfernten japanischen Ise-Shima auf jüngste Äußerungen des Wortführers des Brexit-Lagers, Boris Johnson, angesprochen wurde, brach er das sich selbst auferlegte Schweigen.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Johnson, der einen Teil seiner Schulzeit sowie von – 1989 bis 1994 – einige Jahre als Korrespondent für die konservative und EU-kritische Tageszeitung „Daily Telegraph“ in Brüssel verbracht hat, hatte sich unlängst in einem Gespräch mit seinem früheren Brötchengeber zu einem polemischen Vergleich hinreißen lassen. Adolf Hitler und Napoleon seien bei dem Versuch gescheitert, Europa einer „Autorität“ zu unterwerfen. „Die EU ist ein Versuch, dies mit anderen Methoden zu erreichen“, erklärte Johnson.

          Deutschland als Zahlmeister Europas

          In Japan zeigte die Provokation des Blondschopfs Wirkung. „Es ist an der Zeit für ihn, nach Brüssel zurückzukehren und zu überprüfen, ob alles, was er dem britischen Volk erzählt, in Einklang mit der Wirklichkeit steht, sagte Juncker. Dann gab der Christdemokrat, der schon kurz vor der österreichischen Präsidentenwahl mit abfälligen Bemerkungen über die rechtspopulistische FPÖ manches Stirnrunzeln ausgelöst hatte, den Briten eine indirekte Empfehlung: „Die Atmosphäre unserer Gespräche wäre besser, sollte Großbritannien in der EU bleiben.“ Kurz darauf legte der Büroleiter Junckers, Martin Selmayr, über den Kurznachrichtendienst Twitter nach. Er entwarf ein Zukunftsbild eines G7-Gipfels, an dem neben einem siegreichen amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump, dem italienischen Populisten Beppe Grillo und der französischen Rechtsextremistin Marine Le Pen auch – nach einem Brexit – ein frischgebackener britischer Regierungschefs Boris Johnson teilnehmen könnte. „Ein Horrorszenario, das gut zeigt, warum es sich lohnt, gegen den Populismus zu kämpfen“, schrieb Selmayr.

          Britische Medien zitierten den Sprecher der Brexit-Befürworter „Vote Leave“, Robert Oxley, mit einem Ausspruch den man dem ehemaligen französischen Kommissionspräsidenten Jacques Delors früher gern zudachte: „Es spricht ein ungewählter Bürokrat, der für einen ungewählten Bürokraten arbeitet.“ Für Johnson waren die Worte Selmayrs Wasser auf seine Mühlen. Deutschland sei der „Zahlmeister“ eines Projekts namens Vereinigten Staaten von Europa. Wenn Britannien nicht austrete, „dann werden sie mit Maßnahmen weitermachen, die uns weiter in einen föderalen europäischen Superstaat führen werden“, sagte Johnson dem Fernsehsender Sky News.

          „Lasse niemals Tatsachen einer guten Geschichte in die Quere kommen.“

          Die starke Persönlichkeit Delors und seine integrationspolitischen Visionen scheinen einst beim jungen EU-Korrespondenten Johnson ein euroskeptisches Weltbild geformt zu haben. Er schien es damals zu genießen, vorzugsweise hinter der letzten Sitzreihe des Pressesaals stehend, den einige Meter tiefer sitzenden Kommissaren und Sprechern von oben die Leviten zu lesen. Pascal Lamy, damals Delors‘ Büroleiter, bescheinigte Johnson gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, der Brite habe vor anderen ein Gespür dafür entwickelt, dass Euroskepsis eine „gute Mine für Medien“ sei. „Ob er in irgendeiner Weise geglaubt hat, dass die EU eine Gefahr für Großbritannien darstellt – das habe ich nie gedacht. Er ist dafür zu clever. Er hat einfach einen Weg gefunden, von sich reden zu machen.“

          Im Mai 1992, kurz vor dem „Nein“ der Dänen zum Maastrichter Vertrag, war ein Johnson-Artikel unter der Schlagzeile „Delors plant die EU zu beherrschen“ erschienen. Reuters zitierte später den einstigen dänischen Außenminister Uffe Ellemann-Jensen mit den Worten, die Behauptung sei reichlich überzogen, aber ein Schub für „die paranoide Welle, die Gegner des Maastricht-Vertrags auszulösen versuchten“. Kurz bevor die Kommission Anfang 1992 aus dem asbestverseuchten Berlaymont-Glaspalast ausgezogen war, vermeldete Johnson, dass das Hauptquartier gesprengt werden solle. Damalige Weggefährten im EU-Pressesaal äußerten sich später wenig schmeichelhaft über den Ex-Kollegen. In der 2013 von Andrew Grimson verfassten Biographie „Der Aufstieg des Boris Johnson“, erklärte der seit Jahrzehnten in Brüssel tätige britische Journalist Rory Watson: „Boris hat Geschichten erfunden.“ Schärfer äußerte sich unlängst der fast ebenso lang in Brüssel für die französische Zeitung „Libération“ arbeitende Korrespondent Jean Quatremer per Twitter. Die Devise Johnsons habe gelautet: „Lasse niemals Tatsachen einer guten Geschichte in die Quere kommen.“

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