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TV-Debatte in Großbritannien : Johnson siegessicher, Stewart ohne Überzeugungskraft

Unmissverständlich äußerte sich Johnson nur zu der Frage, die seine künftigen Wähler, die Mitglieder der Konservativen Partei, am meisten interessiert: zum Brexit. Bild: EPA

Bei der TV-Debatte um die Nachfolge von Theresa May lobt Boris Johnson die Mitbewerber für ihre Argumente, seine eigenen bleiben schwach und ungenau. Für Rory Stewart könnte die Debatte ein erster Rückschlag gewesen sein.

          Boris Johnson muss sich seiner Sache ziemlich sicher sein. In der Kandidatendebatte, die die BBC am Dienstagabend veranstaltete, trat er so untermotorisiert auf, als habe er das Argumentieren kaum noch nötig. Zwei Stunden zuvor war er mit 126 Stimmen ein weiteres Mal von der Konservativen Fraktion als klarer Favorit für die Nachfolge Theresa Mays bestätigt worden. Sein Strategieteam scheint der Meinung zu sein, dass er sich jetzt nur noch selber im Weg stehen kann – und deshalb besser nicht weiter auffällt. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Johnsons Auftritt war mit einiger Spannung erwartet worden, weil er sich mit Interviews und öffentlichen Aussagen in den vergangenen Tagen zurückgehalten hatte. Nicht einmal zur Channel4-Fernsehdebatte am Sonntag war er erschienen, als einziger Bewerber. Fast väterlich lobte er die Mitbewerber für ihre Argumente, während seine eigenen schwach und ungenau blieben. Unmissverständlich äußerte sich Johnson nur zu der Frage, die seine künftigen Wähler, die Mitglieder der Konservativen Partei, am meisten interessiert: zum Brexit. Niemand wolle einen No-Deal, sagte er, aber es müsse klar sein, dass Großbritannien am 31. Oktober die Europäische Union verlässt.

          Nur Sajid Javid, der Innenminister, bekannte sich ähnlich eindeutig zu dem Austrittstermin in gut vier Monaten. Die beiden „Mitte-Kandidaten“ – Außenminister Jeremy Hunt und Umweltminister Michael Gove – zeigten sich hingegen zu einem weiteren Aufschub bereit, sollte der „neue Deal“ mit der EU am 31. Oktober nur ein paar Stunden oder Tage oder auch Wochen entfernt sein. In diesem Punkt sind sich immerhin vier der fünf Kandidaten einig: Einen geordneten Austritt aus der Europäischen Union wird es nur geben, wenn Brüssel das Austrittsabkommen verändert und Zugeständnisse bei der Notfallregelung für Nordirland, dem „Backstop“, macht.

          Anderer Meinung ist in dieser Frage nur Rory Stewart, der Entwicklungsminister, der seine Antworten wiederholt mit den Worten begann: „Ich bin der einzige auf diesem Podium, der…“. Stewart war am Dienstag überraschend in die dritte Runde der Fraktionswahlen gekommen und gilt seither als der Mann, der für eine Überraschung gut ist. Beherzt präsentiert er sich als Hauptgegner Johnsons, als Stimme der „Vernunft“ und der „Ehrlichkeit“. Aber in der Debatte, deren Format die Antworten in Mini-Soundbites zerlegte, vermochte er nicht recht zu überzeugen. Seine Idee, Theresa Mays Deal ein viertes Mal dem Parlament vorzulegen, rief Kopfschütteln bei den Mitbewerbern hervor. Nicht viele Freunde in der Konservativen Partei dürfte sich Stewart auch mit der Ansage gemacht haben, dass gerade „nicht die Zeit für Steuersenkungen“ sei. Der jungenhafte Charme, der ihn in den vergangenen Tagen zu einem Favoriten der Herzen gemacht hatte, wich am Dienstag einer gewissen Schärfe, die bei manchen als Besserwisserei angekommen sein dürfte.

          Für Stewart könnte die Fernsehdebatte sein erster Rückschlag gewesen sein. Javid und die beiden Kandidaten der Mitte, Hunt und Gove, schnitten besser ab als erwartet. Und Johnson, der auf Mattheit setzte, machte keinen größeren Fehler – und bleibt so auf Siegeskurs. 

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