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Abkommen gesucht : Die Luftfahrt zittert vor dem Brexit

Darf Easyjet innerhalb der EU fliegen? Bild: dpa

Reißt der EU-Austritt Großbritanniens Lücken in die Flugpläne? Die größten Sorgen betreffen dabei gar nicht die Strecken nach London. Und die Lufthansa hofft, der lachende Dritte zu sein.

          Ob am 29. März – am Tag des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union – alle geplanten Flüge nach Mallorca abheben, das mag aktuell kein Branchenmanager garantieren. Der Brexit könnte weitreichende Folgen im Luftverkehr haben – auch auf Strecken, auf denen es die wenigsten Reisenden vermuten. Erstaunlicherweise kreisen die Sorgen der Branche kaum um die Frage, ob nach einem harten britischen Ausstieg noch von Frankfurt nach London geflogen werden kann, sondern um Flüge, die nie britischen Boden erreichen, von Frankfurt nach Teneriffa, von Stockholm nach Mallorca, von Barcelona nach Rom.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Sorgenflüge der Branche werden durchgeführt von Gesellschaften, für die der Brexit das Ende eines lange sichergeglaubten Fundaments bedeuten kann – Fluggesellschaften, die nach einem Brexit nicht mehr mehrheitlich Eignern mit Sitz in der EU gehören, weil Anteile in britischer Hand dann nicht mehr dazuzählen. Flugrechte hängen nämlich davon ab, welchem Land eine Fluggesellschaft zuzurechnen ist – vornehmlich aufgrund der Eigentumsverhältnisse. Fluggesellschaften, die nicht als Unternehmen in der EU gelten, dürfen nach einem Brexit keine Flüge innerhalb der Union mit den 27 verbleibenden Mitgliedstaaten anbieten, solange kein Verkehrsabkommen sie gestattet. Die Chancen, dass solch ein Abkommen zwischen London und Brüssel vor dem Brexit geschlossen wird, sind äußerst gering.

          Zwangsschritte gegen britische Aktionäre

          Sogar innerdeutsche Flüge könnten durch den Brexit bedroht sein. Der britische Billigfluganbieter Easyjet will es darauf nicht ankommen lassen. Die Gesellschaft, die nach der Air-Berlin-Insolvenz zum zweitgrößten Anbieter von Flügen in der Bundesrepublik nach dem Lufthansa-Konzern aufgestiegen ist, gab nun Einblicke in ihre Brexit-Vorsorge. Und die Vorbereitungen zur Absicherung der Verkehre nach Berlin und zu anderen Zielen in der EU scheinen weit gediehen. Easyjet hat nach eigenen Angaben mittlerweile 130 der 308 Flugzeuge, mehr als 40 Prozent der eigenen Flotte, in Österreich registriert, wo das Unternehmen einen Ableger aufgebaut hat.

          Trotz der Umregistrierung von Flugzeugen – erkennbar daran, dass die Kennung auf dem Rumpf nicht mehr mit „G“ für Großbritannien, sondern mit „OE“ beginnt – geht Easyjet davon aus, dass weitere Vorkehrungen nötig sind. Vorstandschef Johan Lundgren stellte am Dienstag Schritte für den Notfallplan vor. Damit auch die Mehrheit der Gesellschaftsanteile in der EU liegen, erwägt die Gesellschaft Zwangsschritte gegen britische Aktionäre. So prüft das Unternehmen, die rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Stimmrechte britischer Anteilseigner auszusetzen. Es wird auch nicht ausgeschlossen, dass Easyjet britische Aktionäre drängen wird, ihre Anteile an Käufer aus der EU abzugeben. Große Umstrukturierungen dürften allerdings nicht zu erwarten sein. 49 Prozent der Easyjet-Anteile liegen nach Angaben der Gesellschaft schon in den Händen von Eignern in der EU.

          Die Fluggesellschaft Condor mit einer Zentrale wenige hundert Meter vom Frankfurter Flughafen entfernt gehört zum britischen Reisekonzern Thomas Cook, im TUI-Konzern aus Hannover mit der Gesellschaft TUI Fly würde die Kombination aus Briten und einem russischen Großaktionär wohl dazu führen, dass die Anteilseigner aus der EU in der Minderheit wären, der spanische Marktführer Iberia ist Teil des British-Airways-Mutterkonzerns IAG, sogar die irische Ryanair hatte zumindest in der Vergangenheit eine Mehrheit britischer Aktionäre.

          Flugverkehr soll nicht zum Erliegen kommen

          Geradezu einfach erscheint die Frage nach den Flügen zwischen Frankfurt und London. Die EU-Kommission hatte schon vor Weihnachten wissen lassen, dass sie auf jeden Fall verhindern will, dass der Flugverkehr zwischen Union und Vereinigtem Königreich zum Erliegen kommt. Eine Voraussetzung für eine Übergangsvereinbarung von etwa einem Jahr, in dem ein neues Luftverkehrsabkommen mit London ausgehandelt werden soll, wäre, dass die Briten mitziehen.

          Denn nach einem lange praktizierten Grundsatz in der Luftfahrt beruhen Vereinbarungen immer auf Gegenseitigkeit. Vereinfacht gesagt: British Airways darf von London nach Frankfurt fliegen, wenn die Deutsche Lufthansa ihrerseits London ansteuern darf. Dass sich die Briten dagegen sperren, scheint nahezu ausgeschlossen. Neue Abkommen haben sie schon mit der Schweiz und den Vereinigten Staaten erreicht.

          Die EU hat indes klargemacht, dass Übergangsmaßnahmen keineswegs bedeuten werden, dass alles bleibt, wie es ist. „Diese Maßnahmen werden lediglich die Aufrechterhaltung grundlegender Verkehrsverbindungen gewährleisten und keinesfalls Ersatz für die erheblichen Vorteile der Mitgliedschaft im einheitlichen europäischen Luftraum bieten“, hieß es im Dezember in Richtung London. Für Flüge von Schweden und Deutschland an spanische Strände bleibt Ungewissheit.

          Keine Sorgen bei der Lufthansa

          „Die Europäische Kommission und die britische Regierung haben deutlich gemacht, dass sie alles daransetzen, Flugzeuge auch bei einem No-Deal-Szenario in der Luft zu halten“, sagt eine Condor-Sprecherin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir sind deshalb zuversichtlich, unsere Kunden unabhängig von einem Austrittsabkommen auch in diesem Sommer in den Urlaub zu fliegen.“ Seit Monaten wird an Konstruktionen gearbeitet, die Flugrechte in der EU erhalten sollen.

          Iberia argumentiert, dass die Spanier ohnehin nur 49,9 Prozent der politischen Rechte an IAG übertragen hätten und der Rest noch immer in Spanien liege. Auch Condor arbeitet an einem Umbau. Solche Konstrukte – oft über Stiftungen – kommen immer wieder zum Einsatz, die Deutsche Lufthansa nutzte sie im Zuge der Übernahme der Schweizer Swiss, Air Berlin einst für die Übernahme von Niki aus Österreich. Man stehe „in engem Dialog mit den zuständigen Behörden in Europa, um sicherzustellen, dass sich unsere Pläne auch bei einem No-Deal-Szenario umsetzen lassen“, sagt die Condor-Sprecherin.

          Die Lufthansa plagen derlei Sorgen nicht, sie rechnet sich sogar aus, dass nach einem Brexit Reisende von Umsteigeverbindungen über London Abstand nehmen und Wege über die Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt oder München nehmen.

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