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Wirtschaftsethik : Ein Bindestrichfach

Bild: Peter von Tresckow

Korruptionsskandale und die Finanzkrise haben das Ansehen der Sozialen Marktwirtschaft beschädigt. Wirtschaftsethiker wollen nun aus der Nische heraus.

          Seit Jahren schon signalisieren Umfragen, dass in der Bevölkerung die Zustimmung zur marktwirtschaftlichen Ordnung sinkt. Das Bundeswirtschaftsministerium wollte jüngst gegensteuern mit einer Konferenz über "Ethik der Sozialen Marktwirtschaft. Vertrauen - Regeln - Wettbewerb".

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, vor allem der Freiburger Walter Eucken, haben Wirtschaft und Ethik zusammengedacht. Sie plädierten für eine Wettbewerbsordnung, weil sie das Entstehen und Ausnutzen von Machtpositionen verhindere und weil sie den Menschen freie Entfaltung ermögliche. Eucken betonte damit die moralische Qualität der Wettbewerbsordnung, die er sogar religiös begründete.

          Heutige Ökonomen sprechen kaum über Ethik. Ihre zentrale Kategorie ist die Effizienz. Für Fragen der Gerechtigkeit, gar für den Sinn des Wirtschaftens, sehen sie sich nicht zuständig - ein Riesenfehler! Das sagen zumindest Wirtschaftsethiker. Wie alle Bindestrichfächer tut sich die Wirtschaftsethik aber schwer. Sie sitzt zwischen den Stühlen: Die reinen Ökonomen halten Wirtschaftsethik für weich und schwammig; die reinen Ethiker rümpfen die Nase über eine "Bereichsethik" für die Wirtschaft.

          „Wirtschaftsethik hat Konjunktur aber keine Wirkung“

          In der Gesellschaft, der Unternehmenswelt und in der Politik nimmt das Interesse aber langsam zu. "Die Nachfrage nach wirtschaftsethischer Beratung ist groß", sagt Nils Ole Oermann, junger Professor für Nachhaltigkeitsethik und Vizerektor der Leuphana Universität in Lüneburg. Doch vielfach gebe es "diffuse Vorstellungen, was eigentlich der Beitrag von Wirtschaftsethik sein kann".

          Und auch die Wissenschaftler scheinen verunsichert, wo ihre Disziplin eigentlich steht und wo sie hinwill. Deshalb hat Oermann jüngst eine kleine Tagung mit dem Titel "Quo vadis, Wirtschaftsethik?" in Lüneburg organisiert. Unter den Teilnehmern sind klassische Ökonomen und Betriebswirte sowie Politologen, Theologen und Philosophen. Manche spüren Aufwind, andere äußern sich eher pessimistisch.

          "Wirtschaftsethik hat Konjunktur, aber keine Wirkung", meint Birger Priddat, Ökonom und Philosoph, der an der Privatuniversität Witten-Herdecke lehrt. Sie habe eigentlich nur einen marginalen Einfluss, bleibe zu oft abstrakt. Zu lange habe sie auf das Setzen besserer Regeln und Anreize vertraut. Doch die regelorientierten Ansätze griffen zu kurz, kritisiert Priddat. Es fehle nicht an Regeln, sondern an Ethos.

          Die Wirtschaftswissenschaft dürfe den Menschen nicht nur als kühlen Nutzenmaximierer sehen, sondern ihn wieder mit all seinen Gefühlen und Leidenschaften entdecken. Adam Smith und David Hume, die sowohl Philosophen wie Ökonomen waren, hatten eine umfassende Sicht auf den Menschen. Der Blick des neoklassischen Mainstreams der Ökonomen war dagegen verengt und eindimensional.

          Siegeszug der Ethik in der Wissenschaft

          Lange Zeit war dieser Mainstream übermächtig - und drückte Kritiker an den Rand. "Von den Ökonomen gab es teilweise eine richtige Feindseligkeit gegen die Wirtschaftsethik", sagt Peter Koslowski, Philosoph an der Freien Universität Amsterdam. Immerhin gibt es seit der Finanzkrise mehr Nachdenklichkeit. "Der Rechtfertigungsdiskurs in der Wirtschaft nimmt zu", sagt der Berliner Theologe Rolf Schieder und fügt hinzu. "Es gibt einen großen Markt für Wirtschaftsethik."

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