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Verdopplung seit 2000 : Mehr Fehltage wegen psychischer Erkrankungen

Fehltage: Der so genannte Burn-out ist nur für relativ wenige Krankheitstage ursächlich Bild: dpa

Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen hat sich in Deutschland den neuesten Zahlen zufolge seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt. Einer der wichtigsten Gründe: Druck zur Selbstverwirklichung - beruflich wie privat.

          Psychische Erkrankungen nehmen weiter zu, die Vorbeugung wird auch für die Arbeitgeber zu einer wichtigen Aufgabe. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen habe sich in Deutschland den neuesten Zahlen zufolge seit dem Jahr 2000 auf durchschnittlich zwei je Arbeitnehmer und Jahr nahezu verdoppelt, sagte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Rainer Richter, in Berlin. Auch 2010 und 2011 gingen die Fehltage demnach weiter in die Höhe. Derzeit würden schon 12,5 Prozent aller betrieblichen Fehltage durch psychische Erkrankungen verursacht - davon jedoch nur knapp 5 Prozent wegen des sogenannten Burn-outs. Die meisten Fehltage sind auf Depressionen und Anpassungsstörungen zurückzuführen. „Der Trend ist ungebrochen“, sagte Richter. Die Kosten für Produktionsausfälle durch psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit beziffert die Bundesregierung mit 26 Milliarden Euro.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Burn-out kam noch vor knapp 10 Jahren in den Statistiken kaum vor. Erst seit 2004 nehmen die Fälle von Ausgebranntsein zu, seither um fast 1400 Prozent. 2004 habe es noch weit weniger als einen Fehltag im Jahr pro 100 Versicherte wegen Burn-out gegeben, im vergangenen Jahr seien es schon rund neun Tage gewesen, geht laut BPtK aus einer Datenauswertung der Krankenkassen DAK, AOK und BKK hervor. Die Arbeitgeber nehmen das Thema zunehmend ernst. Ein Experte der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) sagte in Berlin, immer mehr Unternehmen böten Mitarbeitern Hilfen zur Prävention an. In Programmen werden externe Unternehmen beauftragt, Betroffene anonym zu beraten und zu unterstützen. Dies koste den Betrieb zwischen 80 Cent und 3,50 Euro im Monat pro Mitarbeiter. Konzerne wie Daimler beschäftigten einige Therapeuten.

          „Druck zur Selbstverwirklichung“

          Für den Anstieg psychischer Erkrankungen werden viele Gründe genannt. Der BPtK-Präsident Rainer Richter nannte als wichtige Gründe für den Anstieg etwa den „Druck zur Selbstverwirklichung“, beruflich wie privat. Vor Jahrzehnten, als die alten gesellschaftlichen Normen noch galten, seien neurotische Verhaltensauffälligkeiten die häufigsten gewesen, die Freiheit eines jeden, Individualität und Identität heute selbst zu finden, führe dagegen öfter zu Erschöpfung. Daher genügten eine gesunde Ernährung und viel Bewegung längst nicht als Vorbeugung.

          Aber auch Arbeitslose leiden überproportional oft an seelischen Erkrankungen. Richter widersprach Vorwürfen der Krankenkassenverbände, die steigenden Patientenzahlen lägen einfach auch daran, dass es auch immer mehr Psychotherapeuten gebe, deren Angebote dann in Anspruch genommen würden (“angebotsinduzierte Nachfrage“). Die BPtK hingegen hält die Versorgung mit Therapeuten für nicht ausreichend. Ein Patient warte im Mittel drei Monate auf das erste Gespräch mit dem Therapeuten. 23 000 Psychotherapeuten sind in Deutschland tätig. In der Stadt gibt es zu viele, auf dem Land zu wenig.

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