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Trend unter Medizinern : Warum sind Jungärzte nur solche Praxismuffel?

Ein Schild an einem Haus weist in der kleinen Gemeinde auf eine Arztpraxis hin. Bild: dpa

Früher träumten Medizin-Absolventen oft von der eigenen Praxis. Heute winken viele dankend ab. Warum eigentlich?

          Es gibt sie noch, die jungen Mediziner, die sich mit einer eigenen Praxis niederlassen wollen – und das vielleicht sogar auf dem Land. Thomas Mai zum Beispiel, 38 Jahre alt, hat vor fünf Jahren genau das getan. Gemeinsam mit einer weiteren Ärztin betreibt er eine Hausarztpraxis in der Kleinstadt Lauterbach in Mittelhessen, 14 000 Einwohner, viel Fachwerk, drum herum grüne Weite. An zwei Tagen in der Woche ist seine Praxis lang geöffnet, mittwochs und freitags macht er dafür um 14 Uhr Schluss und holt seine beiden Kinder bei seinen Eltern oder Schwiegereltern ab. Mai sagt: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu wenig zu Hause bin.“

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das dürfte eine gute Nachricht sein für angehende Ärzte in Deutschland. Denn die treibt die Frage, wie sich eine eigene Familie mit ihrem künftigen Beruf vereinbaren lässt, um wie kaum eine andere. Das hat gerade eine Umfrage der Universität Trier unter fast 14 000 Medizinstudenten in Deutschland ergeben. Für 95 Prozent handelte es sich um das entscheidende Kriterium für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes. „Wir haben es mit einer selbstbewussten Generation zu tun, die weiß, was sie möchte“, konstatierte Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die die Befragung in Auftrag gegeben hat.

          Die Folge: Satte 90 Prozent der Medizinstudenten liebäugeln mit der Idee, später einmal als angestellter Arzt zu arbeiten. Immerhin jeder zweite kann sich vorstellen, in einer eigenen Praxis tätig zu sein. Allerdings kommt für den weit überwiegenden Teil nur eine Gemeinschaftspraxis in Frage. In einer Einzelpraxis der alleinige Ansprechpartner für alle Patienten zu sein, das wäre nur für einen Bruchteil ganz klar erste Wahl.

          Thomas Mai (38) ist glücklicher Mitinhaber einer Gemeinschaftsarztpraxis im Vogelsbergkreis in Mittelhessen.

          Der Trend der vergangenen Jahre dürfte sich damit fortsetzen. Schon heute sind vier von zehn Ärzten in Deutschland in kooperativen Strukturen tätig, also in einer Gemeinschaftspraxis oder einem der rund 2500 sogenannten Medizinischen Versorgungszentren, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenkommen, oft in Festanstellung. Dieses Modell verspricht nicht nur geregelte Arbeitszeiten, sondern ermöglicht es auch, in Teilzeit zu arbeiten. Wer mit jungen Ärzten spricht, hört häufig, dass eine Anstellung in einem Medizinischen Versorgungszentrum nach der Facharztausbildung doch erst einmal eine gute Möglichkeit wäre. Mit Anfang 30 eine eigene Praxis übernehmen, an die man auf Jahrzehnte gebunden ist? Dazu sagen vielen hingegen: Nein, danke.

          Hinter diesen Entwicklungen stehen verschiedene Ursachen. Eine ganz entscheidende ist der hohe Frauenanteil in der Medizin: Zwei Drittel aller Medizinstudenten in Deutschland sind weiblich. Kinder bekommen und 50 bis 60 Stunden in der Woche arbeiten, das passt für viele von ihnen aber nicht zusammen. Hannah Sophie Nowack zum Beispiel, 24 Jahre alt und Medizinstudentin in Göttingen, sagt ganz klar: „Eine Einzelpraxis ist für mich als junge Frau nicht attraktiv. Das ist ein Auslaufmodell.“ In eine Gemeinschaftspraxis einzusteigen, das käme für sie hingegen schon in Frage.

          Arbeitszeiten und -bedingungen treiben allerdings nicht nur Frauen um. Auch viele männliche angehende Ärzte wissen genau, was sie wollen – und was nicht. Ein junger Mann aus Fulda beispielsweise, der eigentlich Kardiologe werden wollte, hatte schon nach kurzer Zeit in einer Klinik die Nase gestrichen voll. Vor allem die ständigen Nacht- und Wochenenddienste haben ihm zugesetzt. „Das war der reinste Ausnutzbetrieb“, sagt er. Auch die Chirurgie ist dafür bekannt, dass es dort nicht gerade zimperlich zugeht. In der Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat sie im Vergleich zu den ersten beiden Befragungen in den Jahren 2010 und 2014 für die Medizinstudenten denn auch an Attraktivität verloren. Unter Frauen ist das Interesse noch geringer als unter Männern. Chirurgische Fachgebiete müssten „schnellstmöglich die gelebte und vermittelte Arbeitskultur und die Arbeitsbedingungen überdenken“, schlussfolgert Peter Jan Chabiera von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland.

          Darüber hinaus gibt es allerdings noch weitere Gründe, warum angehende Ärzte eine Niederlassung scheuen, sei es in einer Einzel- oder einer Gemeinschaftspraxis. Eine große Rolle spielen der hohe bürokratische Aufwand und das finanzielle Risiko. Zudem treiben mögliche Regresse viele Ärzte um, Nachzahlungen also, die sie leisten müssen, wenn sie bestimmte Medikamente überdurchschnittlich häufig verschreiben oder zu viele Hausbesuche machen. Hintergrund ist eine gesetzliche Vorschrift, wonach Ärzte wirtschaftlich arbeiten müssen, schließlich geht es um das Geld der Solidargemeinschaft der Versicherten. Zuletzt sorgten jedoch einige drastische Einzelfälle für viel Aufsehen, weshalb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Regresse nun lockern will.

          Den Lauterbacher Hausarzt Thomas Mai konnte all das bislang nicht schrecken. Fast hätte es ihn in die innere Medizin verschlagen, vier Jahre hatte er schon in einer Klinik gearbeitet, durch einen Zufall kam er dann in seine Heimatstadt zurück. Und ist mit seinem Leben dort rundum zufrieden. „Früher war man Arzt, und dann war man wirklich nur Arzt“, sagt er. Seine Vorgängerin beispielsweise sei im Grunde sieben Tage die Woche 24 Stunden lang für ihre Patienten ansprechbar gewesen. „Da konnte man abends nicht mal ein Gläschen Wein trinken, weil ja immer jemand hätte anrufen können.“ Sosehr ihm seine Patienten am Herzen liegen: Solch ein Modell ist für Mai nicht das richtige. Der Mittwochnachmittag zum Beispiel gehört ihm, da geht er mit ein paar Freunden laufen. „Work-Life-Balance, das hab ich“, sagt er.

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