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Bildung in Deutschland : Auf dem Land lernt sich’s gut

Auch kleine Grundschulen auf dem Land müssen möglichst erhalten werden, so der Rat der Fachleute. Bild: dpa

Viele Leute zieht es in die Stadt. Doch was die Bildung angeht, müssen sich die ländlichen Regionen nicht verstecken, zeigt eine neue Studie. Große Herausforderungen warten aber beiderorts.

          Aus den Großstädten schaut manch einer oft mitleidig auf den ländlichen Raum und dessen vermeintlich abgehängte Bewohner. Dazu scheint zu passen, dass der Anteil der Abiturienten in der Stadt deutlich höher ist als auf dem Land. Eine generelle Aussage über ein angebliches Bildungsgefälle lässt sich daraus aber nicht ableiten. Im Gegenteil, sagt Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und gleichzeitig Vorsitzender des Aktionsrates Bildung: „Die Welt ist voller Mythen“. Das Bildungsgefälle Stadt-Land sei einer davon.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So lässt sich ein Fazit einer aktuellen Studie des Aktionsrates zusammenfassen, der im Jahr 2005 von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ins Leben gerufen wurde. Unterschiede zeigen sich der Studie zufolge eher im Kleinen – manchmal schon von Stadtviertel zu Stadtviertel – und das Land steht teilweise sogar besser da als die Städte. So gibt es etwa im ländlichen Raum oft eine größere Auswahl an Ausbildungsmöglichkeiten. Gerade das Handwerk sucht hier intensiv und eine Lehre ist ja nicht per se die schlechtere Wahl im Vergleich zu einem Studium.

          Mit Blick auf die Leseleistungen schneiden zudem die Grundschüler auf dem Land tendenziell besser ab als die Altersgenossen in der Stadt. Die Fachleute ziehen aus all dem den Schluss, dass das Bildungssystem flexibler auf die teils völlig unterschiedlichen Herausforderungen in den Regionen reagieren muss.

          Mehr Eigenverantwortung für die Schulen

          Der Lese-Vorsprung der Schüler in ländlichen Gebieten hängt nämlich maßgeblich mit ihrem sozialen Hintergrund und der Klassenzusammensetzung zusammen. Vor allem ist die Schülerschaft in den großen Städten deutlich heterogener. Für beinahe jedes dritte Kind in der Stadt ist Deutsch nicht die Muttersprache, auf dem Land trifft dies dagegen nur auf 17 Prozent zu. Da ist es nur logisch, dass oft mehr individueller Förderbedarf besteht. „Die Förderangebote für diese Kinder müssen weiter ausgebaut werden“, sagt vbw-Präsident Wolfram Hatz. Bildung müsse für alle zugänglich sein, unabhängig von der sozialen Herkunft und dem Wohnort. Um etwa benachteiligte Schüler besser zu unterstützen, brauche es auch zusätzliche Mittel.

          Die Fachleute sehen einen Lösungsansatz darin, den Schulen mehr Eigenverantwortung zuzugestehen. Die Schulleitung vor Ort wisse schließlich oft am besten, wo die Mittel einzusetzen seien. Überdies müsse die Lehrerausbildung besser auf den Umgang „mit herausfordernden Schüler- und Elternschaften“ vorbereiten.

          Grundschulen erhalten

          Auf dem Land treiben die Verantwortlichen ganz andere Themen um. Gerade jüngere Leute zieht es zunehmend in die Städte, nicht nur weil dort oft ein höheres Einkommen lockt, sondern auch auf Grund der größeren Vielfalt an Arbeits-, Freizeit- oder Bildungsmöglichkeiten. In vielen kleinen Grundschulen bleiben damit auch immer mehr Stühle frei, sodass im Extremfall die Schließung droht – ein Schreckensszenario, so die Fachleute.

          Für den Erhalt von Grundschulen im ländlichen Raum müssten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, fordern sie. Unter anderem schwebt ihnen die Zusammenlegung zweier Stufen vor, die dann altersübergreifend unterrichtet würden. Der Erhalt sei allein schon „aufgrund der hohen Bedeutsamkeit kurzer Wege für diese Altersgruppe“ wichtig. Wichtig sei auch, zu verhindern, dass junge Familien wegziehen, nur weil die Grundschule weit weg sei. Auch Unternehmen tun sich leichter mit der Personalsuche, wenn sie auf eine gute schulische Infrastruktur verweisen können.

          Mehr Hochschulen auf dem Land

          Der hohe Stellenwert von Bildungsangeboten für die Attraktivität von Regionen zeigt sich auch mit Blick auf die Hochschulen. Seit 1990 hat sich deren Anzahl verdreifacht, sodass es heute ein engmaschiges Netz gibt. Kein Postleitzahlbereich liege weiter als 59 Kilometer Luftlinie von der nächsten Hochschule entfernt, heißt es in der Studie. Nicht erstrebenswert für Grund- oder weiterführende Schulen, aber für Forschungseinrichtungen eine durchaus erträgliche Entfernung.

          Hochschulen im ländlichen Raum vereinen diverse Vorteile auf sich, schreiben die Autoren. Eine Region werde attraktiver für Auswärtige; wenn es fachlich passt, ziehen Studieninteressierte nicht zwingend in die Städte und obendrein freuen sich die lokalen Unternehmen über junge Fachkräfte und diverse Kooperationsmöglichkeiten. Wenig verwunderlich, dass die Studienautoren zur weiteren Ansiedlung von Hochschulen auf dem Land raten. Das Kalkül ist klar: Wer in der Provinz studiert, bleibt ja vielleicht auch dort, wenn es entsprechende Arbeitsplätze gibt. Es muss ja nicht immer Berlin, Frankfurt oder München sein.

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