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Studentische Aufschieberitis : Auf den letzten Drücker

  • -Aktualisiert am

Was du heute kannst besorgen... verschieben viele Studenten gern auf morgen Bild: Getty

Psychologen erforschen, warum Studenten immer alles aufschieben. Doch das Geheimnis der Prokrastination ist noch nicht entschlüsselt. Druck, Krankheit und schlechtes Lernmanagement sind nur ein Teil der vielfältigen Gründe.

          Haben angehende Akademiker die Couch beim Psychologen nötiger als den Platz im Hörsaal? Wer auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Bremen die Veranstaltungen zählte, die sich dem Patienten Student widmeten, konnte diesen Eindruck gewinnen. Von übermäßigem Prüfungsstress war die Rede („kollektive Zwangsjacke Bachelor“), von erhöhtem Druck und selten gewordenem Studentenleben der angenehmeren Art. Auch die mangelnde Geschlechterfairness von Studierfähigkeitstests („Frauen werden unterschätzt und somit systematisch benachteiligt“) und fehlende Leistungsvoraussetzungen der Studenten nahmen sich die Psychologen in Bremen vor.

          Die Qual des Studentenlebens scheint die Seelenkundler regelrecht zu beflügeln. Sie erforschen jedenfalls mit Hingabe auch Phänomene, die es immer schon gab, die aber erst jetzt den Weg zu wissenschaftlichen Weihen finden. Als Paradebeispiel mag die „qualitative Studie mit Studienberatern“ über „Gründe und Konsequenzen akademischer Prokrastination“ dienen: Hinter dem Zungenbrecher verbirgt sich nichts anderes als die altbekannte Aufschieberitis.

          Carola Grunschel von der Uni Bielefeld hat in ihrem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt zwölf Studienberater zweier deutscher Universitäten interviewt - neun Frauen und drei Männer. Ergebnis: Es gibt „internale und externale Gründe“ für die „akademische Prokrastination“ mit „positiven und negativen Konsequenzen“. Aha. Zu den positiven Konsequenzen zählt Grunschel den „Genuss des Studentenlebens“, zu den negativen das Auslaufen des Bafögs und der elterlichen Unterstützung. Die vielfältigen Gründe reichen von Druck, Krankheit, schlechtem Lernmanagement und Aversionen gegen eine bestimmte Aufgabe bis hin zu den als miserabel empfundenen Rahmenbedingungen an den Hochschulen, mangelnder sozialer Einbindung und fehlenden Lernpartnern. Auf Nachfrage rang sich die Referentin dazu durch, außer den veränderten Studienbedingungen auch die Verlockungen des Internets für die Inflation der studentischen Prokrastination mitverantwortlich zu machen.

          Bologna mit eher positivem Effekt

          Die oft als zu verschult kritisierten neuen Bachelor- und Master-Studiengänge ihrerseits hingegen könnten, wie Susanne Weis von der Uni Koblenz-Landau ausführte, auch durchaus positive Effekte auf den Lernerfolg haben. Das gelte etwa für leistungsstarke Studenten, die sich zu sehr auf ihre Fähigkeiten verlassen. Der erhöhte Prüfungstakt erinnere sie mehr als vorher daran, dass es ohne Fleiß auch für sie keinen Preis zu gewinnen gibt. Denn die Abiturnote - vor allem die Mathematikzensur - habe zwar einen wichtigen Vorhersagewert für den späteren Studienerfolg, auf das aktive eigenständige Lernen sei aber nicht zu verzichten. Ein schönes Praxisbeispiel dafür lieferte jener Zuhörer in der letzten Reihe, der mutig kundtat, trotz schlechter Noten in Schulmathematik, aber dank erhöhter Lernzeit und ausgiebigem Interesse am Fach zum Professor für Statistik avanciert zu sein.

          Handfesten Anschauungsunterricht unvorhergesehener Art gab es übrigens auch für die akademische Prokrastination: Eine Referentin hätte laut Programm darüber aufklären sollen, dass „Gewissenhaftigkeit vor allem mit der Studienleistung und der Studienzufriedenheit assoziiert und Neurotizismus als leistungsstarker Prädikator der Abbruchsintentionen identifiziert“ sei. Das Ganze hätte sie exemplifiziert anhand einer „großen Stichprobe (N = 1756), die zwei Mal, am Ende der Gymnasialzeit und im Studium, befragt wurde“. Doch die Referentin blieb unauffindbar, ihr Vortrag fiel aus. Womöglich auch ein Fall von Aufschieberitis.

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