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Stiftungsprofessuren : Drum prüfe, wer sich ewig bindet

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter v. Treschkow

Hochschulen sind auf Stiftungsprofessuren angewiesen. Sie prüfen Gründungen heute aber sorgfältiger als früher. Denn einmal geschaffene Lehrstühle werden sie nicht mehr los.

          Ein Mäzen meldet sich bei der Goethe-Universität in Frankfurt, Stabsstelle Fundraising. Er hat eine Leidenschaft für italienische Musik - und genau für Forschung darüber will die Universität eine Stiftungsprofessur ins Leben rufen. Die Fachbereiche sind zunächst begeistert, die Gespräche mit dem Mäzen verlaufen positiv. Doch dann kommen viele Fragen auf. Wie soll das Thema in die Lehre eingebunden werden? Liegt die Federführung im Fachbereich Romanistik oder Musikwissenschaft? Es bleibt unklar, welches das passende Studienfach für das angedachte Stiftungsangebot ist, und deswegen nimmt die Universität Abstand. Ein fiktiver, aber realistischer Fall.

          Man werbe nicht „auf Teufel komm raus“ Geld ein, sondern wäge sorgfältig ab, wenn es um die Einrichtung neuer Stiftungsprofessuren geht, sagt Caroline Mattingley-Scott, Leiterin der Stabstelle Fundraising an der Goethe-Universität. Andererseits ist in Zeiten knapper öffentlicher Kassen nahezu jede Hochschule auf Unterstützung von außen angewiesen. Das allerdings war oft auch zu Gründungszeiten nicht anders: Die Goethe-Universität etwa wurde vor fast 100 Jahren von engagierten Bürgern gegründet. Vor fünf Jahren wollte sie im großen Stil an diese Tradition anknüpfen und wandelte sich um in eine Stiftung öffentlichen Rechts.

          Ernüchterung ist eingekehrt

          Schon ein Jahr hieß es in einer Pressemitteilung: „Spitzenplatz bei Stiftungsprofessuren: Ein Zehntel der Professoren wird von Stiftern unterstützt.“ Inzwischen aber hat sich am Main Nüchternheit breitgemacht. Von rund 650 Professuren sind 42 gestiftet, das ist ein Anteil von gut sechs Prozent. Man wolle nicht mehr möglichst viele, sondern gute Stiftungsprofessuren, sagt Caroline Mattingley-Scott.

          Ein Risiko, für das viele Universitäten mittlerweile sensibel geworden sind, ist, dass sie auf Folgekosten und -problemen sitzenbleiben können. Schließlich ist die Förderung von außen befristet, zum Beispiel für Gast- oder Juniorprofessuren. Und für die Langzeitfinanzierung muss in zwei Dritteln aller Fälle dann die Hochschule geradestehen. Eine schon vier Jahre alte, aber weiterhin aktuelle Studie des Stifterverbands in Essen empfiehlt den Hochschulen trotzdem, das Angebot weiter auszubauen.

          Tausend Stiftungslehrstühle

          Er hat die Einrichtung und Begleitung von Stiftungsprofessuren zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht und mit seinen Mitgliedsunternehmen bis heute mehr als 380 Lehrstühle gestiftet. Insgesamt gibt es mehr als tausend privat geförderte Lehrstühle in Deutschland, schätzt Melanie Schneider, Leiterin des Servicezentrums im Stifterverband.

          Auch die Diskussion um die Freiheit von Forschung und Lehre dauert an. Für die Hochschulen ist das ein ambivalentes Feld: Sie sollen wie Unternehmen geführt werden und neue Wege der Finanzierung finden. Andererseits wird ihnen vorgeworfen, sich zu verkaufen. „Der Anteil der Stiftungsprofessuren liegt aber nur bei gut zwei Prozent, das ist verschwindend gering. Von einer Unterwanderung der Wissenschaft kann keine Rede sein“, meint Melanie Schneider. Allerdings täuscht die auf den ersten Blick geringe Quote über sehr große Unterschiede je nach Fachgruppe oder Region hinweg. Drei Viertel der Stiftungslehrstühle befinden sich an Universitäten, nur ein Viertel entfällt auf die Fachhochschulen. Sie konzentrieren sich auf wenige Bundesländer - vor allem Bayern und Baden-Württemberg - und dominieren die Wirtschaftswissenschaften, gefolgt von den „Mint“-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

          Welcher Mix ist gesund?

          An der privaten Zeppelin Universität Friedrichshafen etwa sind 18 von insgesamt 49 Professuren gestiftet, das ist ein Anteil von gut 35 Prozent. „Dieser Anteil ist für uns ein gesunder Mix, der die Forschung ergänzt und attraktive zusätzliche Positionen im Lehrprogramm ermöglicht“, sagt deren Vizepräsident Tim Göbel.

          Welcher Mix noch „gesund“ ist, will der Stifterverband nicht an einer Quote vorgeben, er hofft aber, dass Stiftungsprofessuren in Zukunft weiter die Norm werden. Sie ermöglichten es den Hochschulen, auch Themen abzudecken, die sonst oft nicht besetzt werden könnten. Skeptiker sehen aber gerade in der Förderung von Orchideenfächern eine Fessel, mit der sich die Hochschulen ihrer Planungshoheit berauben. „Eine Stiftungsprofessur sieht aus wie ein Geschenk, aber wenn man genau hinschaut, entpuppt sie sich als zweischneidiges Schwert“, sagt Christian Berthold. Der Geschäftsführer der Berliner Beratungsgesellschaft CHE Consult kennt Fälle von Stiftungslehrstühlen, die nach Ende des Förderzeitraums „im luftleeren Raum hingen“, weil der Studiengang etwa nicht fortgeführt wurde.

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