https://www.faz.net/-gyl-70t04

Spezialisierte Finanzberater : Kreditvermittlung auf der Hochzeitsfeier

Mit Wohlfühlfaktor: Viele Zuwanderer mögen es, wenn der Berater ihren kulturellen Hintergrund versteht Bild: Dieter Rüchel / F.A.Z.

Zuwanderer in Deutschland schätzen Finanzberatung in ihrer Muttersprache. Das bietet gute Karrierechancen für Banker und BWLer mit ausländischen Wurzeln.

          Als Gökhan Bozkurt neulich zu Gast auf einer türkischen Hochzeit war, nahm er am Ende nicht nur einen vollen Bauch und gute Laune mit nach Hause, sondern auch einen neuen Kunden. Der war gerade auf der Suche nach einem Kredit für sein Eigenheim und hatte sich auf der Hochzeitsfeier mit einem Freund darüber unterhalten. „Mensch, mein Bankberater ist auch hier auf der Hochzeitsfeier, ich stell euch kurz vor“, hatte der Freund gesagt. So lernte Gökhan Bozkurt einen Häuslebauer mit türkischen Wurzeln kennen, lud ihn kurz darauf ein, in seine Sparkassenfiliale zu kommen, und vergab schließlich ein Darlehen für seine Immobilie. „So funktioniert es oft mit meinen türkischen Kunden“, sagt Bozkurt. „Man lernt sich über Mundpropaganda kennen, über den Freund des Freundes oder über die Schwiegermutter des Nachbarn. Dann vertraut man sich eher, und im Idealfall ist der Kunde zufrieden und empfiehlt mich weiter.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Gökhan Bozkurt, 25 Jahre alt und Bankbetriebswirt, ist einer von sechs Beratern der Sparkasse Köln-Bonn, die sich auf Kunden mit türkischem Migrationshintergrund spezialisiert haben. Er berät auf Wunsch in türkischer Sprache, erklärt das deutsche Finanzsystem gern ganz von vorn und ohne komplizierte Fachbegriffe oder macht auch schon mal eine Bankberatung im Wohnzimmer des Kunden. Bei Tee und vorherigem Geplauder über die Herkunft der Familie oder die letzten Ferien in der Türkei verkauft er so manche Geldanlage, bringt so manchen Kredit an den Mann. „Wohlfühlfaktor“ - das ist sein Lieblingswort und gleichzeitig seine Erfolgsstrategie. „Es hilft, wenn man den Menschen in ihrer Muttersprache begegnet und wenn sie das Gefühl bekommen, dass man ihren kulturellen Hintergrund versteht.“

          Wachsender Bedarf an zweisprachigen Beratern

          Die Sparkasse Köln-Bonn ist nicht allein mit dem Versuch, spezielle Beratungsangebote für Kunden mit Migrationshintergrund zu schaffen. „Interkulturelle Kompetenz wird in der Finanzberatung immer wichtiger“, sagt Ömer Saglam, Geschäftsführer des türkischen Unternehmerverbandes Atiad. „Das haben einige deutsche Banken sehr gut erkannt.“ Die türkische Zielgruppe ist dabei in der deutschen Bankenlandschaft besonders präsent. Die Deutsche Bank etwa hat in 46 „Bankamiz“-Filialen gesonderte Anlaufstellen für die deutschtürkische Klientel geschaffen. Dort werden zwar dieselben Konten, Kredite und Geldanlagen angeboten wie überall sonst in der Deutschen Bank. Aber die Berater sprechen auf Wunsch türkisch mit ihren Kunden und haben häufig selbst einen Zuwanderungshintergrund. Auch die Targobank hat mit „Bankadas“ ein ähnliches Angebot. Deutschtürkische Berater arbeiten aber auch in deutschen Tochtergesellschaften türkischer Banken, wie etwa der Isbank GmbH oder in unabhängigen Beratungsgesellschaften wie der Frankfurter FMF (Finanzberatung für Muslime und Freunde GmbH) . „Es gibt einen wachsenden Bedarf an zweisprachigen und bikulturell kompetenten Bankberatern, die in Deutschland studiert oder eine Ausbildung gemacht haben“, sagt Saglam. „Leute mit diesem Profil werden zum Teil händeringend gesucht.“

          Auch Nihat Günes hat auf seinem Karriereweg diese Erfahrung gemacht. Seine Einwanderungsgeschichte sei keinesfalls als Hindernis, sondern eher als Zusatzqualifikation begriffen worden, erzählt der 33 Jahre alte Banker. Günes wurde in Deutschland als Sohn türkischer Eltern mit kurdischen Wurzeln geboren. Er wuchs dreisprachig auf und kam 2008 im Rahmen des Bankamiz-Projektes als Berater zur Deutschen Bank. „Mein Alltag unterschied sich damals kaum von dem meiner Kollegen“, sagt Günes. „Man führt die gleichen Gespräche und bietet die gleichen Produkte und Dienstleistungen an. Der einzige Unterschied ist, dass man manchmal auf Türkisch berät.“ Zusätzlich zu den Sprachkenntnissen sei vor allem die „interkulturelle Kompetenz“ wichtig, wenn man mit migrantischen Kunden arbeite, sagt Günes. „Weil meine eigene Familie und mein persönliches Umfeld sehr multikulturell sind, habe ich ein besonderes Fingerspitzengefühl für verschiedene Mentalitäten entwickeln können. Das gilt nicht nur für türkische Kunden, sondern hilft mir auch bei der Ansprache von Kunden aus anderen Kulturen.“ Mittlerweile hat Nihat Günes über das Bankamiz-Projekt hinaus Karriere gemacht, bis hin zum Direktor einer Filiale. „Dass es mir leichtfällt, Kunden mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln anzusprechen, hilft mir auch in dieser Führungsposition weiter.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

          AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

          Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.