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Schauspielstudium : Spielen und leuchten an der Ernst Busch

  • -Aktualisiert am

Auftritt von Rebecca Lindauer und Max Haase. Bild: Matthias Lüdecke

Staatliche Schauspielschulen sind beliebt – auf 24 Plätze kommen schon mal 1000 Bewerber. Ein Tag an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin.

          Rose Bernd zieht ihre Unterhose hoch und ordnet ihren Rock. Eben hat sie der Maschinist Arthur Streckmann vergewaltigt. Er hat sie erpresst, ihr Nein nicht akzeptiert. Die 22 Jahre alte Frau ist völlig aufgelöst; sie weiß keinen Ausweg. Arthur Streckmann lässt ihre Verzweiflung an sich abprallen. Hochnäsig steht er neben der Frau, die sich die langen, blonden Haare rauft. Das ist alles nur gespielt – am Ende der Szene gibt es Applaus für Rebecca Lindauer und Max Haase, die in die Rollen von Rose Bernd und Arthur Streckmann geschlüpft waren. Die beiden 23 Jahre alten Schauspielstudierenden verbeugen sich, erschöpft und zufrieden.

          An diesem Abend präsentiert sich das zweite Studienjahr mit einem „Vorspiel Szenenstudium“. Verwandte und Freunde sind zur Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin gekommen, dazu einige Menschen, die von der öffentlichen Veranstaltung erfahren haben. Vom Publikum bekommen die Studierenden viel Zuspruch und drei Tage später ein Feedback von ihren Lehrkräften.

          Rebecca Lindauer und Max Haase hängen da in Gedanken noch ihren Rollen nach. Während ihre Kommilitonen am gleichen Abend unter anderem mit „Romeo und Julia“ aufgetreten sind, waren Lindauer und Haase mit zwei Szenen aus „Rose Bernd“ zu sehen. Gerhart Hauptmann schrieb das sozialkritische Drama 1903. Roses Vergewaltigung zeigten sie auf der Bühne nicht, wohl aber die emotionalen Folgen. Am Ende wird Rose ihr Baby töten. „Diese beherzte starke junge Frau hört einfach nicht auf zu kämpfen und geht trotzdem unter, weil sie an der Situation nichts ändern kann“, sagt Rebecca Lindauer.

          Enge persönliche Betreuung

          Sie hat auch schon in Schillers Stück „Maria Stuart“ die strahlende Königin Elisabeth gespielt. Dann hat ihre Mentorin Professor Antje Weber die Rose Bernd für sie ausgesucht, weil Lindauer sich an dieser Figur künstlerisch weiterentwickeln sollte. Lindauer sagt, dass sie bei der Auswahl dieser Rolle „ein Mitspracherecht hatte“. Das Konzept der Hochschule sieht eine enge persönliche Betreuung der Studierenden vor. Wochenlang bereiten sie zusammen mit ihren Mentoren, mit Stimmtrainern und anderen Dozenten das Vorspiel vor.

          Auch Max Haase hatte an seiner Rolle zu knabbern. „Für uns war wichtig, Arthur Streckmann nicht als einspurige Figur darzustellen“, sagt er. Streckmann bekommt mit, dass Rose Bernd ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, und glaubt, dass er nun auch Recht auf Sex mit ihr habe. „Die Figur ist in erster Linie wahnsinnig eifersüchtig und nimmt daraus die Legitimation, Rose zum Sex zu zwingen“, sagt Haase. Rebecca Lindauer und er haben sich mit der Entstehungszeit des Dramas beschäftigt, den sozialen Verflechtungen, in denen die Menschen damals steckten. Und sie haben sich den schlesischen Dialekt angeeignet, denn Rose und Arthur sprechen so.

          Rebecca Lindauer und Max Haase in einer Szene aus Gerhart Hauptmanns Rose Bernd. Bilderstrecke

          Erste Schauspielschule in Deutschland

          Die Wurzeln der Hochschule, an der Lindauer und Haase studieren, gehen ins Jahr 1905 zurück, als der Berliner Theatermann Max Reinhardt die erste deutsche Schauspielschule gründete. In der DDR-Zeit und im vereinigten Deutschland bot und bietet die Schule eine erstklassige Ausbildung fürs Theater. Etliche Absolventinnen und Absolventen sind am Ende aber auch durch ihre Filme bekannt geworden, etwa Corinna Harfouch, Nina Hoss, Boris Aljinovic und Jasna Fritzi Bauer.

          Heute bildet die Hochschule in vier Abteilungen aus: Schauspiel, Regie, Puppenspiel und Tanz. Sie ist 2018 in einen schmucken Neubau nahe der ebenfalls neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes gezogen. Zwei Studiobühnen gibt es im Haus – und zahlreiche Orte, an denen sich die Künstlerinnen und Künstler austauschen können: eine gemütliche Ansammlung von Sitzsäcken hier, eine Cafeteria samt sonnenbeschienener Terrasse dort.

          Auf 24 Plätze gibt es 1000 Bewerber

          Der Andrang auf Studienplätze für angehende Schauspieler ist deutschlandweit anhaltend hoch. Am Schauspielinstitut „Hans Otto“ in Leipzig kommen im Durchschnitt 50 Bewerber auf einen Studienplatz. An der „Ernst Busch“ in Berlin sind es etwa 1000 Interessenten auf 24 Plätze.

          Im Wintersemester werden an jedem Donnerstag je 80 Bewerber an die Hochschule eingeladen. Sie werden in Zehnergruppen eingeteilt, die jeweils vor zwei Dozenten vorspielen. Dabei sollen sie neben einem Lied je eine Rolle aus der Klassik und aus der Gegenwart parat haben. Diejenigen, die diesen Test bestehen, stellen sich in einer weiteren Runde dem gesamten Kollegium vor – 15 Personen. „Da muss man für sich eine Mehrheit schaffen“, sagt Antje Weber. „Das ist gar nicht so einfach.“

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