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Gutbezahlte Frauenberufe : Pure Männer-Ausbeutung

  • -Aktualisiert am

Gisele Bündchen verdiente 2013 laut Forbes-Liste 42 Millionen Dollar... Bild: News Pictures/face to face

Männer verdienen überall mehr als Frauen? Von wegen. Bei Models, Azubis und unter jungen Ostdeutschen ist es andersherum. Da läuft was schief für die Männer.

          Gerade läuft die neunte Staffel von Germany’s Next Topmodel im deutschen Fernsehen. Und zum neunten Mal in Folge wurde beim Casting die Hälfte der Menschheit nicht zugelassen: die Männer, die Jungs oder die „Boys“, wie man in der Sendung gerne sagt. Nur einen kleinen peinlichen Randauftritt hatten drei Männermodels, als sie in der „Boy’s Edition“ mit den „Mädels“ halbnackt am Strand fotografiert wurden, um deren Freunde daheim eifersüchtig zu machen.

          Müsste Heidi Klum den Männern angesichts dieser eklatanten Diskriminierung nicht wenigstens eine Quote von zehn Prozent einräumen - und ihnen die kommende Staffel widmen?

          ... Sean O’Pry, das bestverdienende Männermodel bekam 2013 nur 1,5 Millionen Dollar.

          Es ist unwahrscheinlich, dass das passiert. Das hat einen simplen Grund. In der gesamten Modelbranche läuft es für Männer mies. Sie kriegen weniger Jobs, und sie werden schlechter bezahlt als die Frauen. In einem Model-Blog beklagt sich das Männermodel Sandro Lagkadinos: „Im Gegensatz zur glamourösen Welt der weiblichen Models flaniert man meist namenlos über die Laufstege.“ Nur wenige schafften es, wirklich viel Geld zu verdienen. „So viel zum Thema Benachteiligung der Frauen in Sachen Gehälter.“

          Das sieht man am anschaulichsten an der Spitze der Verdiensthierarchie. Bei den Männermodels steht da laut Forbes-Liste Sean O’Pry mit 1,5 Millionen Dollar Einnahmen im Jahr 2013, die Frauen haben hingegen Gisele Bündchen mit hübschen 42 Millionen Dollar. Kein Wunder, dass es sich für Heidi Klum - auch mal bestverdienendes Model, heute Geschäftsfrau - nicht lohnt, männliche Topmodels zu suchen. Mit denen kann man nichts verdienen.

          Das Modeln ist nur die glamouröseste Tätigkeit, bei der Männer im Durchschnitt schlechter verdienen als Frauen. Das statistische Bundesamt liefert weitere Hinweise. Zwar verdienen Männer im Schnitt weiterhin fast überall mehr als Frauen. Doch die Ausnahmen sind interessant. Beispielsweise haben es Männer, die sich in Ausbildung oder Minijob befinden, besonders schwer. Je Stunde verdienen sie heute im Durchschnitt zwölf Prozent weniger als Frauen. Schlecht sieht es zudem für Männer aus, die Teilzeit arbeiten. Sind sie unter 45 Jahre alt, verdienen sie im Durchschnitt zwei bis vier Prozent weniger als Frauen in Teilzeit. Arbeiten sie zudem in einem der fünf Berufe mit dem höchsten Frauenanteil, dann wird ihre Teilzeit besonders bestraft. Sie verdienen dann elf Prozent weniger als die Frauen in Teilzeit. In Ostdeutschland gibt es sogar ganze Branchen, in denen Frauen im Durchschnitt je Stunde besser verdienen als Männer: In Kindergärten und an Schulen ist das ebenso der Fall wie in der Logistik oder unter Maklern. Und bei den Ostdeutschen unter 25 Jahren.

          Diese Statistik hat einen Haken: Sie zeigt zwar die Unterschiede, erklärt aber nicht, wie sie zustande kommen. Sind die Makler-Männer im Osten schlechter qualifiziert als die Makler-Frauen? Oder einfach jünger und deshalb schlechter bezahlt? Oder können Männer - Achtung, jetzt kommt es - das einfach generell schlechter: Wohnungen an den Mann bringen? Gibt es in Kindergärten im Osten eine gläserne Decke für Männer? Oder verhandeln die Männer dort einfach nicht hart genug um ihr Gehalt?

          Man könnte aufgrund der Statistik behaupten, Teilzeit arbeitende Männer würden von ihren Arbeitgebern diskriminiert. Oder man glaubt, dass es schlicht die schlecht ausgebildeten Männer sind, die sich entscheiden, Teilzeit zu arbeiten - und wegen ihrer schlechten Qualifikation weniger verdienen.

          Die Modelei gibt dabei natürlich das interessanteste Rätsel auf, schließlich geht es hier um Sexappeal. Woran liegt es, dass es unter Models so schlecht läuft für die Männer? Liegt es an den Männern oder an ihren Auftraggebern? Sind die Männer nicht hübsch oder nicht engagiert genug? Oder ihre Auftraggeber frauenfixiert? Stoff für eine lange Debatte. Denkbar wäre, dass Alt-Männermodel Marcus Schenkenberg ein Buch schreibt und seinen Kollegen empfiehlt, sich endlich mal reinzuhängen. Darauf gibt Deutschlands schönster Fußballer Mats Hummels die Eva Herrmann mit einem Appell, dass Männer sich wieder dem zuwenden sollten, was sie am besten können: der harten Schlacht auf dem Platz. Das wäre doch mal eine Abwechslung.

          Stattdessen bleiben die Models erstaunlich ruhig. Was auch ein Beweis dafür ist, was für ein Tabu es ist, wenn Männer weniger verdienen als Frauen. Immerhin gibt es für die Männermodels nun einen Hoffnungsschimmer. America’s Next Topmodel, das Vorbild der deutschen Casting-Sendung, hat den Männern eine Chance gegeben: in Staffel 20 und - sicherheitshalber - gemeinsam mit Frauen.

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