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Whistleblowing in Unternehmen : Raus aus der Schmuddelecke

Edward Snowden wurde zum Symbol des modernen Whistleblowers - und zum Volkshelden. Für seinen Arbeitgeber entpuppte er sich jedoch als Nestbeschmutzer. Das hätte vermieden werden können. Bild: AFP

Für Unternehmen werden interne Hinweisgeber immer wichtiger. Doch Mitarbeiter, die Missstände aufdecken, haben in Deutschland immer noch ein schlechtes Image. Das muss sich ändern.

          Exakt 28.000 Seiten sollen es gewesen sein. Steuerbescheide, Steuerklärungen - alles streng vertraulich. Plötzlich gerieten sie in die Hände von Journalisten. Und so wurde die Affäre bekannt: Luxemburger Steuerbehörden haben Konzernen aus verschiedenen Ländern in großem Stil eine sehr niedrige Besteuerung zugesichert. Ein neues Schlagwort kursierte: LuxLeaks. Die Enthüllung erschütterte nicht nur das kleine Land, sondern brachte sogar dem Präsidenten der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, kurz nach seinem Amtsantritt einen Misstrauensantrag ein.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Losgetreten hat die Affäre ein ehemaliger Mitarbeiter von Pricewaterhouse Coopers (PWC), jener Beratungsgesellschaft, die die dubiosen Steuerdeals aushandelte. Der Mann soll die geheimen Dokumente an die Medien gegeben haben. „Ich habe aus Überzeugung gehandelt“, sagte der Mann kürzlich in einem Interview. Doch die luxemburgische Justiz kannte kein Erbarmen. Ein Untersuchungsrichter hat bereits ein Verfahren wegen des Verdachts auf Diebstahl, Verletzung von Berufs- und Geschäftsgeheimnissen eingeleitet.

          Der Mann wird als Whistleblower bezeichnet. Aber was heißt das eigentlich? Whistleblower klingt besser als Verräter oder Nestbeschmutzer. Rechtlich ist der Begriff ohne Bedeutung. Für die Organisation Transparency International ist ein Whistleblower ein Beschäftigter, der aus uneigennützigen Motiven auf Fälle von Korruption oder ungesetzlichen Praktiken hinweist. Tim Wybitul, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Hogan Lovells in Frankfurt, kennt aber auch weniger ehrenhafte Fälle: „Manche Mitarbeiter verpfeifen einen Kollegen, um einen Konkurrenten aus dem Rennen zu werfen.“ Das nennt Wybitul dann „Konkurrentenklage der schwarzen Art“. Und unter den Hinweisgebern gibt es auch einige Wichtigtuer. Manch einer will so gezielt von eigenen Fehlern ablenken. Und häufig ist es gar nicht klar, warum ein Whistleblower mit seinem Wissen rausrückt.

          Für die Öffentlichkeit sind Hinweisgeber oft Helden

          Die Motive sind rechtlich nicht entscheidend. Wichtiger ist: Hat sich der Hinweisgeber zuerst an seinen Arbeitgeber gewandt und den auf den Missstand aufmerksam gemacht? Es gehört zu den Treuepflichten eines Arbeitnehmers, betriebsinterne Angelegenheiten nicht einfach zu veröffentlichen (also so, wie es offenbar der ehemalige PWC-Mitarbeiter getan hat) , sondern zunächst intern zu kommunizieren. Das gilt jedenfalls, wenn nicht eine Gefahr für Leib und Leben droht. Diese Pflicht setzt sich auch nach Beendigung des Arbeitsvertrages fort. Geht ein Arbeitnehmer, der einen Fall von Korruption oder Betrug entdeckt hat, als Erstes zu seinem Chef, tut er dem einen großen Gefallen. Whistleblowing liege im ureigenen Interesse der Unternehmen, meint Wybitul. „Wenn etwas schiefgeht, soll die Chefetage eher Bescheid wissen als die Staatsanwaltschaft“, sagt er, „dann kann sie den Missstand noch rechtzeitig abstellen.“

          Anderenfalls kann es für die Unternehmen teuer werden. Wenn das Management nicht die internen Strukturen schafft, um Pflichtverletzungen zu ahnden und zu unterbinden, kann ein Bußgeld von bis zu zehn Millionen Euro fällig werden. Zusätzlich kann der Staat sogar noch den Gewinn des Unternehmens abschöpfen. Daher gipfelte in einem Whistleblowing-Fall des Siemens-Konzerns die Strafzahlung bei 201 Millionen Euro. Die Staatsanwälte sind nach Meinung erfahrener Experten keineswegs zimperlich. Bei Compliance-Verstößen sind die Ermittler heute sehr viel weniger großzügig als noch vor zwanzig Jahren. „De facto sind wir nicht mehr weit weg von einem Unternehmensstrafrecht“, meint Wybitul. Noch empfindlicher trifft es die Unternehmen, wenn in der Folge auch noch ihr Ruf Schaden nimmt und Kunden das Vertrauen verlieren.

          Für Teile der Öffentlichkeit sind solche Hinweisgeber Helden. Doch in vielen Unternehmen spricht sich erst langsam herum, dass internes Whistleblowing auch für sie von Nutzen sein kann. Das Umdenken ist noch nicht abgeschlossen. Und es fehlt an Anreizen für Arbeitnehmer, ihre Chefs frühzeitig auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. In Amerika etwa bekommen Mitarbeiter eine großzügige finanzielle Belohnung vom Staat, wenn der Hinweis dazu geführt hat, dass ein Missstand aufgedeckt wurde und das Unternehmen daher ein Bußgeld zahlt. Hierzulande ist das undenkbar. Hinweisgeber stehen nach wie vor in der Schmuddelecke. Bei Kindern spricht man von Petze, Erwachsenen heftet man das unheilvolle Stigma des Nestbeschmutzers oder Denunzianten an.

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