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Vergütung : Verwöhnprogramm für Mitarbeiter

  • -Aktualisiert am

Lockmittel: Mit flexiblen Arbeitszeiten Mitarbeiter bei Laune halten Bild: plainpicture/Caiaimages/Paul Via

Statt mit Gehalt ködern Arbeitgeber Fachkräfte mit Rundum-sorglos-Paketen oder Nebenleistungen wie Fahrrad-Leasing. Mittelständler haben dabei oft mehr zu bieten als Industriegrößen.

          An den Fringe Benefits lässt sich ablesen, ob ein Unternehmen fit ist für die kommenden Jahre. Fringe Benefits - das sind Leistungen zusätzlich zum Gehalt. Dazu gehören Gutscheine für die Kantine, Tickets für Veranstaltungen, die Mitgliedschaft in einem Sportklub und Zuschüsse zur Altersvorsorge. „Viele Unternehmen stellen Informationen über solche Nebenleistungen schon auf ihre Homepage“, sagt Rolf Misterek, Benefits-Experte bei der Unternehmensberatung Mercer. „Auf der Homepage finden Sie aber nichts über das Gehalt, das gezahlt wird.“

          Die Nebenleistungen sind für die Unternehmen oft nicht einmal teuer. Marco Reiners von der Unternehmensberatung Aon Hewitt nennt als Beispiel Zusatzversicherungen für Zahn- und Chefarztbehandlungen. Wenn ein Unternehmen für seine Mitarbeiter einen Gruppenvertrag abschließt, ist das preiswerter, als wenn ein Einzelner einen Vertrag unterschreibt. Der Effekt ist vergleichbar groß. Denn Nebenleistungen lassen sich öffentlichkeitswirksam vermarkten und tragen dazu bei, das Unternehmen als modern, tolerant und weltoffen zu positionieren. Der Obstkorb für die Mitarbeiter beweist, dass die Geschäftsführung an ihrer Gesundheit interessiert ist. Mit einem Zuschuss für die Kinderbetreuung zeigt sie, dass sie ein Herz für Familien hat. Das steigert die Motivation der Mitarbeiter. Wenn diese selbst einen Sportwettkampf organisieren und der Chef gibt Geld dazu, wird außerdem der Zusammenhalt gestärkt.

          Nach Ansicht des Experten Misterek grenzen sich die Unternehmen mit den Nebenleistungen von Wettbewerbern ab. Sie können oder wollen nicht wesentlich mehr Gehalt zahlen als diese, bieten aber dafür bessere Fringe Benefits. Das bringt dem Unternehmen zudem steuerliche Vorteile. Während bei der Gehaltserhöhung auch mehr Geld für Sozialleistungen fällig ist, kann die Nebenleistung als Betriebsausgabe verbucht werden. Bei einem Jahresgehalt von 50.000 Euro machen sich 50 Euro netto mehr pro Monat ohnehin kaum bemerkbar, meint die Personalberaterin Doris Brenner. Attraktiver sei es dagegen, wenn etwa die Geschäftsführung für die Mitarbeiter Tickets für Kulturveranstaltungen besorgen lasse.

          Mit dem Hund zur Arbeit

          Über das sogenannte Cafeteriasystem können sich Mitarbeiter vielerorts die Nebenleistungen selbst zusammenstellen. Es stammt aus dem englischsprachigen Raum. In Großbritannien ist es üblich, die Leistungen über Punkte abzurechnen. Die IT-Branche in den Vereinigten Staaten gilt laut Berater Reiners als Vorreiter für ausgefallene Nebenleistungen. So werden im Silicon Valley etwa Betriebsausflüge nach Hawaii organisiert oder den Mitarbeitern Tage angeboten, an denen die Mitnahme des Hundes gestattet ist. Reiners erzählt von einem Start-up, das seinen Angestellten offerierte, so viel Urlaub zu nehmen, wie diese wollten: „Das Resultat war, dass manche Mitarbeiter gar keine Ferientage mehr beanspruchten.“ Offenbar dachten sie, es hinterlasse einen schlechten Eindruck, wenn sie überhaupt frei machten. Mittlerweile halte das Unternehmen die Mitarbeiter sogar dazu an, pro Vierteljahr wenigstens eine Woche Urlaub zu nehmen.

          Es sind vor allem große, globale Konzerne wie Google, Facebook oder Apple die mit attraktiven Nebenleistungen Schlagzeilen machen. Doch angesichts des demographischen Wandels überlegen immer mehr kleine und mittelständische Betriebe, wie sie Fach- und Führungskräfte gewinnen und halten. Besonders schwierig ist es, wenn sie ihren Sitz abseits der attraktiven Großstädte haben. Die Vorstellung, in eine Kleinstadt ohne spannende Kulturszene und ohne Flughafen zu ziehen, ist für manche international vernetzte Fachfrau abschreckend.

          Ein Manko, das Mittelständler etwa mit guter Kinderbetreuung wettmachen können. Für Mittelständler spricht aus Sicht von Expertin Brenner, dass sie „oft eher dazu bereit sind, mit ihren Mitarbeitern individuelle Leistungen auszuhandeln. Viele große Unternehmen bieten dagegen standardisierte Zusatzleistungen an, die in Betriebsvereinbarungen fixiert sind.“ Während daher manche einheitliche Leistungen aus der Pensionskasse offerieren, kann der Mittelständler eine Altersvorsorge bieten, die auf die Bedürfnisse des Mitarbeiters zugeschnitten ist.

          Schickes Handy oder betriebliche Altersvorsorge?

          Gleichwohl meinen Brenner und Reiners, dass die betriebliche Altersvorsorge meist für Kandidaten von Mitte dreißig an interessant wird. Zwar bieten viele Unternehmen komfortable Lösungen an, in die sie reichlich investieren, doch sie kommunizieren es nicht gut. Hinzu kommt: Gerade jüngeren Menschen ist nicht bewusst, wie wichtig Vorsorge ist. Mit Mitte Zwanzig freuen sie sich mehr an dem teuren Mobiltelefon, das ihnen das Unternehmen zur Verfügung stellt. „Dabei ist die moralische Verpflichtung, damit auch abends und am Wochenende besser erreichbar zu sein, deutlich höher“, sagt Doris Brenner.

          Der Berliner Personalberater Valentin Nowotny zählt die Bereiche auf, in denen Unternehmen mit Nebenleistungen Sympathien gewinnen können: Versicherung und Altersvorsorge, Unterstützung von Familien, Mobilität sowie die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Auch Zeitwertkonten gelten als attraktiv. Die angesparte Zeit kann genutzt werden, um die Doktorarbeit zu beenden oder ein Sabbatical zu nehmen. „Ich würde dazu raten, die Bereiche als Zusatzleistungen zu wählen, die man sonst ohnehin privat finanzieren müsste. Wer viel Bus fährt, lässt sich eben ein Job-Ticket bezahlen“, sagt Nowotny: „Wenn das Unternehmen wenig attraktive Angebote macht, würde ich eher in Richtung Gehaltserhöhung verhandeln.“

          Der ideale Zeitpunkt, um über Fringe Benefits zu reden, sei, wenn im Vorstellungsgespräch bereits klar wird, dass das Unternehmen an dem Bewerber interessiert ist. Außerdem bieten sich Mitarbeitergespräche an, die vielerorts regelmäßig stattfinden. Im Idealfall, meint Nowotny, hat die Führungskraft beim Sprechen über Fringe Benefits Gelegenheit, seinen Kollegen besser kennenzulernen. Worauf legt er Wert - Freizeit, Mobilität oder Sicherheit? Ist ihm flexible Zeiteinteilung wichtig, oder denkt er mehr an einen Dienstwagen oder die Altersvorsorge?

          Junge Mitarbeiter legen immer weniger Wert auf Dienstwagen

          Der Dienstwagen war lange Zeit ein Statussymbol und somit eine heißbegehrte Nebenleistung. Auf dem Parkplatz ließ sich ablesen, welchen Platz der Autofahrer in der Hierarchie des Unternehmens hatte. Solche Gefährte waren oft Anlass für Neid. Solche Zeiten sind fast vorbei. Zum einen können sich Mitarbeiter, wenn sie selbst etwas dazuzahlen, ein prächtigeres Fahrzeug leisten als ihr Chef. Zum anderen sind gerade jüngere Menschen umweltbewusst und legen, wenn sie in Großstädten mit gutem Nahverkehr leben, nicht mehr viel Wert auf ein Auto. „Den Unternehmen geht es immer mehr darum, dass ihre Mitarbeiter mobil sind - und nicht darum, jeden mit einem Dienstwagen zu versorgen“, sagt Mercer-Mann Misterek. „Das kann bedeuten, dass sie statt eines Autos eine Bahncard, ein Jobticket für den öffentlichen Nahverkehr oder ein Job-Fahrrad finanzieren.“ Der Jurist weiß von Unternehmen zu berichten, die Leasing-Verträge abschließen für Räder, die mehrere tausend Euro kosten. „Der Mitarbeiter kann das Rad für zwei, drei Jahre nutzen und anschließend ein anderes Modell wählen“, sagt Misterek. „oder er übernimmt es zu einem günstigen Restwert. Vor fünf Jahren war von solchen Optionen noch kaum die Rede.“

          Nebenleistungen erinnern an Rundum-Sorglos-Pakete. Damit sollen die heißbegehrten Talente umworben und in die Lage versetzt werden, sich möglichst in allen Lebensphasen auf die Arbeit zu konzentrieren. Deshalb vermitteln Unternehmen sogar Beratung in finanziellen und rechtlichen Fragen. „Vermögenswirksame Leistungen sind hingegen zunehmend unattraktiv“, meint Misterek. „Die monatliche Summe ist relativ gering. Sie wird von vielen Mitarbeitern gar nicht mehr abgerufen.“ Er beobachtet, dass auch Geschenke zu Dienstjubiläen aus der Mode sind. Kaum jemand bleibt noch zwei Jahre länger, weil ihm der Chef dann eine goldene Uhr oder eine Geldsumme überreicht. Ohnehin möchten Fach- und Führungskräfte meist nicht so lange bei einem Arbeitgeber verweilen.

          Sie wollen verstanden und umhegt werden. „Dennoch man muss einem klar sein, dass die kleinen, geldwerten Vorteile bestimmte Mankos nicht kompensieren können“, sagt Berater Nowotny. „Wenn schlecht geführt wird oder Unzufriedenheit herrscht mit der Art und Weise, wie die Organisation arbeitet, sind Nebenleistungen ein Hygienefaktor, den die Mitarbeiter eben so mitnehmen.“ Trotzdem identifizieren sie sich dann nicht mit ihrem Unternehmen. Wichtiger als ein schönes Job-Fahrrad sind dann doch eine gute Atmosphäre und die Möglichkeit, kreativ und eigenverantwortlich an spannenden Projekten mitzuwirken.

          „Man sollte über neue Fringe Benefits nachdenken“, fordert Nowotny. Das Büro zu Hause oder flexible Arbeitszeiten gehörten dazu. Der Psychologe plädiert zudem für agile Projekte: Diese flexiblen und schlanken Arbeitsorganisationen kamen einst in der IT-Branche auf, die meist ein Trendsetter für die Arbeitswelt ist. Statt in starren Hierarchien zu arbeiten, finden sich Fach- und Führungskräfte in Teams zusammen, wo sie ihre Arbeit selbst einteilen und sich frei entfalten können. Für Unternehmen ist es nach Ansicht von Nowotny schwierig, sich auf solche Arbeitsformen umzustellen. Denn auf Dauer sorgen sie eindeutig für mehr Wohlbefinden als eine goldene Uhr.

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