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Interview : „Für Piloten sind 145.000 Euro ein gerechter Lohn“

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Ilja Schulz, Lufthansa-Pilot und Präsident der Vereinigung Cockpit (VC) Bild: Helmut Fricke

Die Piloten ziehen den Ärger ganz Deutschlands auf sich. Sie gelten als raffgierig und nimmersatt. Ilja Schulz ist einer von ihnen - und Präsident der Vereinigung Cockpit. Er verteidigt üppige Gehälter und die Rente mit 55

          Herr Schulz, ganz Deutschland ist sauer auf die Piloten. Sie seien raffgierig, nimmersatt und verdienten viel zu viel, lautet der Vorwurf.

          Unsere Gehälter liegen nicht höher als bei anderen klassischen Fluggesellschaften aus Amerika, Asien oder vom Golf.

          Bei Air Berlin oder Condor verdienen die Piloten deutlich weniger.

          Diese Gesellschaften operieren in einem anderen Marktsegment. Die Vereinigung Cockpit hat immer auf das Marktsegment angepasste Tarifverträge vereinbart. Auch innerhalb der Lufthansa-Gesellschaften gibt es Unterschiede.

          Bei Easyjet, dem Konkurrenten auf Europastrecken, sind es sogar 30 Prozent weniger als bei der Lufthansa.

          Das behauptet die Lufthansa. Wir glauben, es sind weniger als 15 Prozent. Wir haben vorgeschlagen, die Unterschiede zu Easyjet gemeinsam auszurechnen und auf Basis des Ergebnisses Tarifverträge für Eurowings zu verhandeln.

          Wie viel würden sie runtergehen?

          Das sagen wir vor den Verhandlungen nicht.

          Warum verdient ein Pilot überhaupt bis zu 300.000 Euro im Jahr?

          Der Lufthansa-Schnitt liegt bei 145.000 Euro. Dies ist gerechtfertigt, da der Pilot eine sehr hohe Verantwortung für die Sicherheit von mehreren hundert Menschen trägt und er eine aufwendige Ausbildung selbst bezahlen musste.

          Der Lokführer oder Busfahrer hat auch eine Verantwortung für viele Menschen, die er transportiert.

          Ein Pilot fliegt mit mehr als 800 Stundenkilometern durch die Luft, muss in Sekundenbruchteilen reagieren können und kann bei einem Problem nicht mal eben rechts ranfahren wie ein Bus.

          Auch der Busfahrer hat nur Sekunden, um einen Unfall zu vermeiden.

          Die strenge Auswahl der Piloten und ständige Leistungschecks im Flugsimulator zeigen, wie herausragend die Sicherheit im Flugzeug gesehen wird. Das hat seinen Preis, der sich im Gehalt zeigt.

          Und 42 Tage Urlaub und bis zu 35 freie Tage im Quartal kommen zum hohen Gehalt noch dazu.

          Das ist der Ausgleich dafür, dass wir 365 Arbeitstage haben, also auch die Wochenenden und Feiertage. Am Ende sind wir nicht länger zu Hause als andere Arbeitnehmer.

          Sie dürfen auch noch mit 55 Jahren in den Vorruhestand, das gibt es in keinem anderen Beruf.

          Das Alter wurde in der Vergangenheit schon mehrmals erhöht. Das reguläre Endalter ist 60. Wer früher gehen will, muss hohe Abschläge in Kauf nehmen. Das durchschnittliche Eintrittsalter in den Ruhestand liegt bei über 59 Jahren.

          Dann bekommen Sie 60 Prozent des letzten Gehalts. Das ist doch völlig unzeitgemäß.

          Das ist eine Errungenschaft früherer Tarifverhandlungen, wir haben damals auf Gehaltserhöhungen verzichtet. Zum anderen lohnt sich der Vorruhestand auch für die Lufthansa. Einen großen Teil der Kosten spart die Gesellschaft beim Gehalt, weil sie einen günstigeren jungen Piloten für den ausscheidenden Kollegen einstellt. Und schließlich: Die Vorruhestandsregelung geht bis 63. Danach müssen wir, auch mit Abschlägen, vorzeitig in die gesetzliche Rente wechseln.

          Warum müssen Sie denn überhaupt früher in Rente, Sie haben doch keinen stressigen Job? In der Luft fliegt der Autopilot.

          Sie müssen aber ständig aufmerksam bleiben. Da wird gerade das monotone Umfeld zur Belastung.

          Schöner Stress! Den gibt es auch in anderen Berufen.

          Das will ich auch gar nicht abstreiten, auch nicht, dass die Menschen heute länger fit sind als früher. Aber beim Fliegen kommen spezielle Belastungen hinzu wie Höhenstrahlung, die Druckunterschiede, der niedrige Sauerstoffgehalt in der Luft oder die Zeitverschiebung.

          Wer fluguntauglich ist, wird ja auch nicht zum Fliegen gezwungen.

          Das stimmt, und wenn der Pilot aufhören muss, zahlt eine Versicherung. Aber es gibt viele Fälle, in denen er zwar medizinisch noch tauglich ist, aber sich nicht mehr den Belastungen gewachsen fühlt. Hier soll die Vorruhestandsregelung einen Ausstieg ermöglichen.

          Dafür streiken Sie seit mehr als einem Jahr und schaden Deutschland.

          Das ist nicht zu vermeiden. Gewerkschaften haben nur den Streik als Druckmittel. Es wäre aber einseitig, nur uns die Schuld für die Streiks zu geben. Die VC hat mit fast allen deutschen Fluggesellschaften ohne Streiks Tarifverträge geschlossen. Diese Airlines wollen mit den Mitarbeitern eine Lösung finden. Die einzige Fluglinie, die gegen ihre Angestellten vorankommen will, ist die Lufthansa. Auch Verdi beim Bodenpersonal und Ufo bei den Flugbegleitern mussten ihren Konflikt eskalieren, weil die Lufthansa kein Miteinander mehr will.

          Welches Interesse sollte die Lufthansa daran haben?

          Weil sie mit Eurowings eine Billigfluglinie mit günstigem Personal gründen will, mit der die Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt werden sollen. Nach dem Motto: Wer macht’s am billigsten?

          Was haben Sie dagegen?

          Wir wollen die Eurowings nicht verhindern, wie immer behauptet. Aber wir wollen auch bei Eurowings die Tarifkonditionen gestalten. Das ist der Zweck jeder Gewerkschaft.

          Selbst ihre eigenen Lufthansa-Kollegen sind genervt von Ihrer Mauerei in den Verhandlungen.

          Wenn wir alle Forderungen mittragen würden, müssten wir auf 40 Prozent unserer Ansprüche verzichten. Das macht kein Berufsstand mit. Außerdem mauern wir nicht. Wir haben Ende Juli Vorschläge gemacht, die der Lufthansa eine halbe Milliarde Euro sparen, mit Einschnitten beim Vorruhestand und bei der Bezahlung. Die Lufthansa hat darüber noch nicht einmal mit uns verhandelt.

          Wie kommt man nun aus dem Schlamassel wieder heraus?

          Da die Lufthansa eine Schlichtung ablehnt, müssen wir nun wieder jeden offenen Tarifvertrag separat verhandeln.

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