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Neue Masche von Betrügern : Hier spricht der Chef - ich brauche Geld!

Wenn der vermeintliche Chef am Hörer ist, sollte er möglichst auch so klingen. „Sie können Stimmen kaufen“, sagt Wolf trocken. „Der Sprecher muss nicht einmal wissen, dass er an einem Betrug mitwirkt.“ Stimmen lassen sich auch elektronisch auf die richtige Tonlage zerren. Man muss sich nur unter einem Vorwand zuvor einmal zum Vorstand durchtelefonieren, um eine Stimmprobe mitzuschneiden. Auch E-Mails lassen sich fälschen. Oft wird in den Absendernamen („Alias“) zusätzlich die richtige E-Mail-Adresse des Chefs angegeben - dann übersieht manch ein Angestellter im Stress, dass der eigentliche Absender ein anderer ist. Oder die Adresse macht den Eindruck, der Chef sende von seinem Mobiltelefon.

Wie groß das Problem wirklich ist, lässt sich schwer abschätzen. Dreißig Betrugsversuche habe er bis in den Spätsommer für die Commerzbank bundesweit gezählt, sagt Wolf. Naturgemäß können nur Fälle gezählt werden, die auch bekannt werden. Bei dieser Art von Delikten muss das nicht oft der Fall sein. Zunächst habe bei Betroffenen oft ein gewisses Schamgefühl die Kommunikation blockiert - „weil man Angst hat, für dumm gehalten zu werden“, sagt Wolf. Außerdem schädigt so ein Vorfall die Reputation. Im Fall Leoni lässt sich das an einem deutlichen Knick im Aktienkurs ablesen, den man mit dem verlorenen Geld allein nicht begründen kann. „So ein Vorgang kann das Vertrauen in die Finanzbuchhaltung beeinträchtigen“, sagt Wolf. Das amerikanische FBI hatte die durch E-Mail-Betrug auf der Welt verursachten Verluste zuletzt auf 3,1 Milliarden Dollar geschätzt.

Manche Unternehmen empfinden sich als zu unwichtig

Die größte psychologische Schwachstelle: Hybris. Gerade kleinere Unternehmen meinten schlicht, dass sie gar keinen „CEO“ hätten und deshalb auch nicht anfällig für solche Tricks seien. Wolf nennt es deshalb jetzt „Chefbetrug“ - einen Chef wird es doch wohl auch bei jedem Mittelständler geben. Andere empfänden sich als zu unwichtig und meinten, betroffen seien nur die Dax-Konzerne, erzählt der Berater. Dabei haben gerade kleinere Unternehmen eine große Schwachstelle: Wenn nämlich noch ein Patriarch an der Spitze steht, vor dem die Belegschaft strammsteht und dem sie keine Fragen stellt. Wieder andere hielten ihre Prozesse für sicher.

Wenn eine verdächtige Mail auftaucht, sollte man sie nicht geringschätzen, warnt Commerzbank-Mitarbeiter Wolf - denn dann ist noch nicht klar, wie viele solche Versuche gerade noch gegen den Betrieb unternommen werden. Daher habe man ein zentrales Meldewesen eingeführt, um einen gestarteten Angriff zu blockieren. „Wenn das Geld bereits geflossen ist, funken wir auf allen Kanälen, um es zurückzuholen“, sagt Wolf. 80 Prozent der Fälle würden abgewendet oder zurückgeholt.

Da der Cheftrick meist grenzüberschreitend verwendet wird, ist die Strafverfolgung derzeit kompliziert. „Es handelt sich um international organisierte Wirtschaftskriminalität“, bilanziert Dirk Seiler aus der Kanzlei Herbert Smith Freehills. „Das Konto ist ja immer bekannt, insofern gibt es immer einen Ermittlungsansatz.“ Doch obwohl die Ermittler dieses „Ende des Wollknäuels“ in den Händen halten, würden viele Verfahren eingestellt, beklagt der Anwalt. Man müsse Glück haben und einen Ermittler erwischen, der auf Übersetzungsaufwand und andere Rechtskulturen Lust habe. Erleichterung ist allerdings in Sicht in Form der Europäischen Ermittlungsanordnung. Das ist eine Vereinheitlichung, auf die sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union geeinigt haben. Ein schlichtes Formblatt soll Hemmungen abbauen - „nur die Lücken ausfüllen und das Papier rüberschicken“, sagt Seiler.

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