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Warum Frauen weniger verdienen : Zu lange raus, zu viel Teilzeit, der falsche Beruf

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Wer zu lange zu Hause die Wäsche macht, sieht allzu oft die Konsequenz auf dem Gehaltszettel. Bild: dpa

Frauen verdienen weniger. Das ist bekannt. Nun aber blickt eine Studie hinter den Durchschnittswert: Die Misere liegt vor allem darin, dass Frauen zu lange Auszeiten nehmen, zu oft in Teilzeit gehen und die falschen Berufe wählen.

          Frauen haben in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt rund 20 Prozent weniger verdient als Männer. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Dafür wertete das Tarifarchiv der Stiftung gut 11.200 Online-Fragebögen von Arbeitnehmern aus, die Angaben zu ihrem Bruttomonatsverdienst machten. Allerdings: Nur rund 4600 Fragebögen von Frauen waren darunter. Trotzdem haben die Aussagen offenbar eine gute Grundlage: Eine fast gleichzeitig veröffentlichte Analyse des Statistischen Bundesamtes kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

          Der Blick der Gewerkschafter hinter den großen Durchschnittswert ist besonders interessant: Denn auffallend groß ist der Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen bei älteren Arbeitnehmern: Frauen zwischen 61 und 65 Jahren verdienen durchschnittlich 28 Prozent weniger als ihre männlichen Altersgenossen. Bei jüngeren Berufstätigen zwischen 25 und 30 Jahren ist die Lücke zwischen den Geschlechtern noch nicht ganz so groß: Hier verdienen die Männer nur gut 13 Prozent mehr als die Frauen. Mit dem Alter wird die Kluft zwischen den Geschlechtern dann zunehmend größer: bei Frauen zwischen 36 und 40 Jahren beträgt der Unterschied zu der Bezahlung der männlichen Altersgenossen 19 Prozent, zwischen 51 und 55 Jahren erreicht er gut 21 Prozent.

          Es gibt viele Gründe für die schlechtere Bezahlung von Frauen. Aber nicht der komplette Lohnunterschied lässt sich erklären.

          Die Stiftung interpretiert die Ergebnisse vor allem so: Frauen stiegen oft schon mit einem Verdienstnachteil in den Beruf ein, unter anderem, weil sie sich oft Berufe aussuchten, die schlechter bezahlt würden. Später fielen sie noch weiter zurück, etwa weil sie wegen Elternzeiten länger aus dem Beruf ausstiegen oder nach einer Familiengründung nur noch in Teilzeit in den Beruf zurückkehrten. Auch würden Frauen bei der Bezahlung „gar nicht so selten“ schlicht diskriminiert, lässt sich der Vorsitzende des Tarifarchivs, Reinhard Bispinck zitieren.

          Wie groß der Rückstand von Frauen beim Einkommen ist, hängt den Daten zufolge denn auch nicht nur mit dem Alter zusammen, sondern variiert stark, je nach Beruf. So ist etwa bei Technischen Zeichnern der Gehaltsabstand zwischen Männern und Frauen nur klein; Frauen verdienen gerade mal zwei Prozent weniger als Männer. Bei Bankkaufleuten liegt der Einkommensrückstand der weiblichen Arbeitnehmer dagegen schon bei 19 Prozent, bei Zahntechnikern sind es sogar 27 Prozent. Es gibt aber auch einige wenige Berufe, in denen die Frauen mehr verdienen als die Männer. Ein Beispiel dafür sind Informatikerinnen.

          Frauen bekommmen seltener Weihnachtsgeld

          Nicht nur beim monatlichen Gehalt, sondern auch bei den Sonderzahlungen haben die Frauen das Nachsehen: Fast 57 Prozent der Männer haben nach eigenen Angaben eine Sonderzahlung in Form eines Weihnachtsgeldes erhalten, Frauen dagegen nur zu rund 51 Prozent. Männer bekamen zu gut 50 Prozent ein Urlaubsgeld, Frauen dagegen nur zu 38 Prozent. Männer erhielten zu 20 Prozent eine Gewinnbeteiligung, Frauen dagegen zu 10 Prozent.

          Sei es nun wegen ihres höheren Engagements in der Familie oder aus anderen Gründen: Arbeitgeber investieren der Studie zufolge auch weniger in ihre weiblichen Beschäftigten als in die Männer. So gaben 48 Prozent der Männer an, ihr Chef habe ihnen eine Weiterbildung finanziert, bei den Frauen waren es nur 43 Prozent. Dagegen sagten mehr Frauen als Männer, dass sie Weiterbildungen aus eigener Tasche bezahlt haben. Männer werden auch deutlich häufiger befördert: 27 Prozent von ihnen gaben an, schon einmal in ihrem Unternehmen aufgestiegen zu sein. Nur 18 Prozent der Frauen behauptete dasselbe von sich.

          Kein Wunder, dass sich auch unter Hochqualifizierten noch immer weniger Frauen in Führungspositionen wiederfinden. Frauen mit Hochschulabschluss haben den Daten zufolge mit 21 Prozent seltener eine Führungsposition als Männer (32 Prozent). Sie erhalten auch bei gleicher Hierarchiestufe ein deutlich geringeres Gehalt. Frauen mit Hochschulabschluss erhalten als (Haupt-)Abteilungsleiterinnen im Durchschnitt 3.700 Euro monatlich, Männer in derselben Position.

          Auch das Statistische Bundesamt legte am Dienstag Zahlen zur Lohnkluft zwischen Männern und Frauen vor und zeigte, dass die Unterschiede 2013 nicht kleiner geworden sind. Nach diesen Daten ist der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern sogar noch größer als nach der Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach erhielten Frauen für ihre Arbeit insgesamt 22 Prozent weniger Geld. Der durchschnittliche Bruttolohn pro Stunde lag bei 15,56 Euro, während Männer auf 19,84 Euro kamen.

          Die Differenz bleibt damit das vierte Jahr in Folge unverändert. Im Westen ist die Lücke allerdings dreimal so hoch wie im Osten, erklärten die Statistiker: Hier bekommen Frauen 23 Prozent weniger, in den neuen Bundesländern ist die Differenz mit acht Prozent deutlich geringer.

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