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Frauen in Führungspositionen : „Wie ein Ritt auf der Schnecke“

Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies am DIW Berlin Bild: dpa

Es geht nur langsam voran mit dem Ziel, mehr Frauen in die Chefetagen zu bekommen. Das zeigt einmal mehr das aktuelle Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Woran hapert es?

          Fünfzehn Jahre ist es her, als sich die deutsche Wirtschaft zum ersten Mal das Ziel setzte, für mehr Gleichberechtigung in den Führungsetagen zu sorgen. Doch von diesem Anspruch sind die meisten Unternehmen auch heute noch weit entfernt. Im vergangenen Jahr ist der Frauenanteil in Führungspositionen abermals nur geringfügig gestiegen. Ginge es in der Geschwindigkeit der vergangenen zehn Jahre weiter, würde es noch 86 Jahre und damit bis über das Jahr 2100 hinaus dauern, bis genauso viele Frauen wie Männer in den Vorständen säßen. In den Aufsichtsräten könnte dies immerhin schon im Jahr 2041 gelingen, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet. Die Berliner analysieren jedes Jahr den Frauenanteil in den Chefetagen von mehr als 500 Unternehmen.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In den Vorständen der 200 umsatzstärksten Konzerne lag der Frauenanteil Ende 2015 demnach bei 6,3 Prozent – ein Anstieg von weniger als einem Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr. Die Aufsichtsräte waren zu 19,7 Prozent mit Frauen besetzt. Etwas höher lagen die Zahlen bei jenen gut 100 Unternehmen, für die von diesem Jahr an die gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte gilt. Hier lag der Durchschnitt zuletzt bei 23 Prozent. Mehr als jedes vierte der betroffenen Unternehmen hat die gesetzliche Vorgabe von 30 Prozent Frauen schon erreicht. Allerdings gibt es auch immer noch Unternehmen wie Fresenius, in deren Aufsichtsräten und Vorständen die Männer weiter unter sich sind. Die Quote sieht vor, dass frei werdende Aufsichtsratspositionen so lange mit Frauen besetzt werden müssen, bis mindestens 30 Prozent erreicht sind. Andernfalls bleiben die Plätze frei.

          Negativbeispiel Finanzbranche

          „Die Entwicklung gleicht einem Ritt auf der Schnecke“, kommentierte Elke Holst, Forschungsdirektorin am DIW, die Ergebnisse. „Die große Masse ist von den 30 Prozent noch weit entfernt.“ Allerdings gebe es durchaus auch Unternehmen mit Ambitionen, allen voran die im öffentlichen Rampenlicht stehenden 30 Dax-Konzerne und die Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist. In den Reihen der Dax-Konzerne lag der Frauenanteil in den Vorständen Ende 2015 bei knapp 10 Prozent, in den Aufsichtsräten bei fast 27 Prozent. In den 61 Unternehmen mit Beteiligung des Bundes stieg der Frauenanteil in den Vorständen zuletzt auf 15,3 Prozent, in den Aufsichtsräten auf 27,6 Prozent.

          Anders stellt sich das Bild in der Finanzbranche dar, in der zwar 57 Prozent der Beschäftigten Frauen sind, aber nur die wenigsten in verantwortungsvoller Position. In den Vorständen der Banken und Sparkassen waren zuletzt nur 7,6 Prozent Frauen, in den Aufsichtsräten 21,3 Prozent. Die Finanzkrise habe offensichtlich nicht dazu geführt, dass sich die Zusammensetzung der Führungsteams grundlegend verändere, sagte Holst.

          Kritisch sieht das DIW insbesondere die großen Gehaltsunterschiede, selbst innerhalb vergleichbarer Tätigkeitsbereiche. Unter den Vollzeit arbeitenden Mitarbeitern in leitender Position verdienten Männer im Schnitt 27,5 Prozent mehr als Frauen.

          Nötig seien nicht unbedingt mehr gesetzliche Vorgaben, so das DIW.  Die könnten den Prozess zwar beschleunigen, erforderlich sei aber vor allem ein Wandel im Denken. Männliche Führungskräfte, vor allem solche mit Hausfrauen daheim, trauten Frauen immer noch zu wenig zu. Auch das Steuerrecht zementiere die traditionellen Rollenbilder. Durch das Ehegattensplitting sinkt die Steuerlast, je weniger einer der beiden Partner arbeitet.

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