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Arbeitszeugnisse : Und beinahe hätte ein „sehr gut“ dringestanden

Mittelmäßige oder schlechte Beurteilungen gibt es fast nicht. Bild: Picture-Alliance

Eine schlechte oder auch nur mittelmäßige Beurteilung in einem Arbeitszeugnis? Gibt’s kaum. Im Gegenteil: Selbst betrügerische Mitarbeiter haben vor Gericht noch Aussichten auf ein „sehr gut“. Warum bloß?

          Herr K. genoss seine neuen Freiheiten. Zuletzt war er Geschäftsführer gewesen, und damit ständig unter Druck. Jetzt, beim neuen Arbeitgeber, war er zwar nur noch Chef einer ausländischen Tochtergesellschaft - aber weit weg von der Zentrale. Herr K. genehmigte sich schöne Dienstreisen, Sightseeing und Wellness ließ er die Firma zahlen, auch für die Ehefrau und die Töchter. Die Mitarbeiter würden’s derweil schon richten, so sein Kalkül. Aber seine Rechnung ging nicht auf, die Geschäfte liefen schlecht, und bald hatte er die Revision aus der Zentrale im Haus. „Wir hatten schon lang das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt“, berichtet Brigitte Vöster-Alber, geschäftsführende Gesellschafterin der Geze GmbH über die frühere Führungskraft. Die Revision förderte Fakten zutage, die für eine doppelte Kündigung reichten: wegen schlechter Leistung und zudem auch noch fristlos wegen Betrugs.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Und trotzdem hätte beinahe ein „sehr gut“ im Arbeitszeugnis gestanden. Herr K. zog gegen Geze vors Arbeitsgericht. Sein Anwalt stellte ihn dort als kleines Licht dar, das gar nicht verantwortlich sein konnte für schlechte Zahlen. Im Arbeitszeugnis aber sollte dann sein selbständiges Arbeiten herausgestrichen werden und die Leistung mit „sehr gut“ beurteilt werden, so seine Forderung. Sprich: Herr K. sei „stets zur vollsten Zufriedenheit“ tätig gewesen, so hätte es im Zeugnis gestanden, wenn er sich durchgesetzt hätte. Unvorstellbar für Geze-Personalchefin Claudia Geyer - schließlich war man in Wahrheit sehr unzufrieden mit ihm. „Wir konnten die Richter überzeugen“, freut sich Claudia Geyer: „Und er bekam auch nicht die übliche Abschiedsformel.“ Sprich: von Bedauern über das Ausscheiden von Herrn K. oder guten Wünschen war im Text nicht die Rede.

          Eine solche Haltung ist nicht einfach durchzustehen, denn Arbeitnehmer wissen die Gerichte tendenziell hinter sich, wenn sie um gute Beurteilungen feilschen. Ein Zeugnis solle „wohlwollend“ sein, um nicht die Türen auf dem Arbeitsmarkt zu versperren, lautet die Linie seit einem ersten höchstrichterlichen Urteil aus dem Jahr 1963. Unter Personalexperten geht man davon aus, dass mittlerweile 90 Prozent der Arbeitszeugnisse eine gute oder sehr gute Leistung bescheinigen. Wer nur „zur vollen Zufriedenheit“ vorweisen kann, was der Note 3 entspricht, zählt definitiv schon zu den schlechteren Kandidaten. Deswegen zog eine Zahnarzthelferin gegen diese Formulierung bis vor das Bundesarbeitsgericht in Erfurt, bekam aber eine Abfuhr: sie müsse erst einmal selbst beweisen, dass sie gute Leistung erbracht habe, lautete das Urteil (9 AZR 54/13) „Wenn jeder ein gutes oder sehr gutes Zeugnis hat, macht das Zeugnis dann überhaupt noch Sinn?“ fragte der Richter - und stellte damit die mittlerweile gängige Praxis in Frage.

          „Die meisten Zeugnisstreitigkeiten enden im Vergleich“

          Es war einer der ganz seltenen Fälle, dass über ein Arbeitszeugnis bis vor dem Bundesarbeitsgericht verhandelt wurde. „Die meisten Zeugnisstreitigkeiten enden im Vergleich“, berichtet Waldemar Reinfelder, Richter am Bundesarbeitsgericht. „Das ist ja vielleicht auch eine Botschaft, dass es nicht viele Fälle gibt.“

          De facto sind Arbeitgeber offenbar selten daran interessiert, sich allzu sehr für ein wahrhaftiges Zeugnis zu engagieren, das dann vielleicht nicht ganz so wohlwollend ist. Der Grund liegt auf der Hand: Als Arbeitgeber hat man keinen unmittelbaren Vorteil davon, der Mitarbeiter will oder soll ja ohnehin das Unternehmen verlassen. „Die Zeugnisnote ist Verhandlungssache“, heißt es in Arbeitgeberkreisen. Das Muster: Untaugliche Mitarbeiter verabschiedet man mit einer Abfindung und einem Zeugnis, das ihnen schnell wieder zu einer neuen Stelle verhilft. Dann ist der Fall schnell erledigt und man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Selbst vor Gericht beobachtet man häufig Geschäfte dieser Art. „Manche Arbeitgeber bieten offen an, eine gute Note zu geben, wenn man dafür mit der Abfindung runtergeht“, berichtet Ulrich Hensinger, Richter am Landesarbeitsgericht in Stuttgart: „Das heißt eigentlich: Man kauft sich die Noten.“

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