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Arbeitsbelastung : Bloß nicht schlappmachen

  • -Aktualisiert am

Was tun, wenn Mitarbeiter am Rad drehen? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Schlafstörung, Tinnitus, Burn-out: Viele Arbeitnehmer leiden unter stressbedingten Krankheiten. Zwar können Arbeitgeber für die Folgen extremer Belastungen haften. Aber die wenigsten Betroffenen klagen.

          Auf den Kurzurlaub im Juli in Österreich hatte sich Georg Müller lange gefreut. In den drei Tagen wollte der 42 Jahre alte Manager ein wenig wandern und mit der Familie entspannen. Doch jedes Mal, wenn der Münchner von den Ausflügen ins Hotel zurückkehrte, blinkte sein Laptop: „Sie haben Post.“ Pflichtbewusst las Müller seine E-Mails und beantwortete sie, ebenso wie die Nachrichten auf seinem Diensthandy.

          Am Ende des Kurztrips blickte Müller frustriert und müde auf die vergangenen Tage zurück: „Erholung sieht anders aus. Unter solchen Bedingungen kann man nicht abschalten.“ Da er aber keinen Stellvertreter habe, „ist es für meinen Arbeitgeber selbstverständlich, dass ich immer und überall abrufbereit bin“. Eigentlich sei er jetzt genauso erschöpft wie vorher.

          Drei Viertel fühlen sich übermäßig belastet

          Den Fall Müller gibt es nicht. Aber er ist trotzdem echt. Denn viele Deutsche sind Müllers. Fast drei Viertel der Bundesbürger fühlen sich einer übermäßigen Belastung ausgesetzt. Das ergab eine Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg unter knapp 2000 Teilnehmern. Die meisten von ihnen klagten auch über die gesundheitlichen Folgen von Stress: Jeder Dritte gab an, häufig unter Kopfschmerzen, Nacken- und Schulterverspannungen zu leiden. Über Herzrasen, hohen Blutdruck oder Magenbeschwerden klagten mehr als 15 beziehungsweise 16 Prozent der Befragten. Die Autoren gehen davon aus, dass jeder zehnte Deutsche sich „ausgebrannt“ fühlt und befürchtet, dass er irgendwann umkippt.

          Dennoch pochen die wenigsten Beschäftigten gegenüber ihren Arbeitgebern auf die Rechte, die ihnen nach dem Arbeitszeit-, Arbeitsschutz- und Betriebsverfassungsgesetz zustehen. Dabei hätten Klagen auf Schadensersatz wegen Stress möglicherweise sogar Aussicht auf Erfolg. „Vorausgesetzt, die Betroffenen könnten detailliert und überzeugend beweisen, dass die gesundheitlichen Schäden tatsächlich durch den Stress an ihrem Arbeitsplatz stammen“, betont Steffen Krieger, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart.

          Ein wesentlicher Maßstab, um Beschäftigte vor Druck und Hektik am Arbeitsplatz zu schützen, ist die Arbeitszeit. „Natürlich haben Unternehmen die Möglichkeit, im Arbeitsvertrag bestimmte zeitliche Vorgaben und Überstunden festzuschreiben“, betont Anwalt Krieger. Mehr als zehn Stunden Einsatz pro Tag verbiete das Arbeitszeitgesetz aber generell. „Das gilt selbst dann, wenn sich zum Beispiel ein Architekturbüro mit einem Entwurf an einem Wettbewerb beteiligen will, für den noch rund um die Uhr gearbeitet werden muss“, sagt der Arbeitsrechtler. Zeichneten und konstruierten die Mitarbeiter schon 40 Stunden die Woche – also acht Stunden täglich –, dürfe der Chef nur zwei weitere Stunden zusätzlichen Einsatz am Tag verlangen.

          Was zählt: Arbeitszeiten, Umfeld und Sicherheit der Mitarbeiter

          Neben den Arbeitszeiten müssen die Unternehmen noch das Umfeld und die Sicherheit ihrer Mitarbeiter berücksichtigen: So verpflichten sie § 241 und § 618 BGB beispielsweise dazu, die Arbeitsprozesse in ihren Produktionshallen oder Büros so sicher zu gestalten, dass die Mitarbeiter keinen Gefahren für ihre Gesundheit oder ihr Leben ausgesetzt sind. „Das bedeutet, dass die Unternehmen genau wissen müssen, welche Anforderungen bei dem jeweiligen Job auf die Beschäftigten zukommen und welche psychische Belastung das mit sich bringen könnte“, zählt Krieger auf. „Bei einer übermäßigen Belastung müssten die Arbeitgeber natürlich reagieren und die Bedingungen oder das Pensum verändern, um den Stress für die Arbeitnehmer zu verringern.“

          Solange sich die Betroffenen nicht beklagen, wird ihr übermäßiger Einsatz meistens gerne stillschweigend hingenommen – und dank Handy und Blackberry sind sie auch rund um die Uhr erreichbar. „In der Praxis ist es durchaus üblich, dass Mitarbeiter nach den vorgeschriebenen zehn Stunden Arbeitszeit ausstempeln, aber dann wieder in ihr Büro gehen, um weiterzuarbeiten“, beobachtet Rechtsanwalt Krieger. Viele treibe der Ehrgeiz dazu, mehr Zeit in ihren Job zu investieren, als gesetzlich zugelassen ist. Denn sie wüssten, dass der Arbeitgeber den Einsatz positiv registriert.

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