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„Mehr Business-Value delivern“ : Hier kommt die Nachhilfe in Beratersprech

Beratersprache folgt ihren eigenen Mustern. Bild: Maren Esdar

Kennen Sie auch Unternehmensberater, die Sie mit ihrem Kauderwelsch verwirren? Die hohe Kunst besteht darin, inhaltlich möglichst schwammig zu bleiben, gedanklich aber höchste Präzision vorzugaukeln.

          Von Beratern lernen heißt siegen lernen. Kürzlich gab es wieder eine kleine Lehrstunde vom Jungberater: Der zog eine gewichtige Miene auf und sagte auf einem Vortrag ganz sachlich, sein Ziel sei immer, „mehr Business-Value zu delivern“. Respekt, genau auf den Punkt. Man wäre selbst nicht darauf gekommen.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber ernsthaft: Berater werden ja immer wieder für ihre floskelhafte Sprache verhöhnt, dabei kann man ihnen das gar nicht verübeln. Sie machen einfach das, was sie am liebsten machen: „Optimieren“ – und darin haben sie es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Denn jeder weiß doch: Um Dinge einfach und klar sagen zu können, muss man sich bestens mit der Materie auskennen – aber das ist mühsam und kostet Zeit.

          Ganz ökonomisch gedacht, muss man abwägen, wie lange sich die Mühe lohnt. Beim Sprechen oder Schreiben muss man dann den „optimalen Unschärfegrad“ einstellen: nicht zu schwammig, sonst versteht es keiner, aber auch nicht zu konkret, sonst wird es persönlich zu aufwendig. Wo genau der richtige Punkt liegt, ist noch nicht genau erforscht.

          Bloß nicht zu konkret!

          Darüber nachzudenken ist aber keinesfalls ehrenrührig – es gibt tatsächlich im Einzelfall viel zu bedenken. Und viele Berater haben für sich schon die Antwort gefunden. Je konkreter man spricht, umso verständlicher wird es, aber umso eher kann einem später daraus wieder ein Strick gedreht werden. „Overpromised“ oder „underdelivered“ und so. Die hohe Kunst besteht darin, inhaltlich möglichst schwammig zu bleiben, gedanklich aber höchste Präzision vorzugaukeln. Wörter wie „präzise“ und „maßgeschneidert“ gehören daher zum Lieblingsvokabular der Berater. Was genau präzise oder maßgeschneidert ist, kann man ruhig im Dunkeln lassen. Im Zweifelsfall sind es einfach irgendwelche „Lösungen“.

          Nachzufragen traut sich ohnehin kaum einer. Die Angst, bloßgestellt zu werden, wirkt Wunder, was jeder Berufstätige täglich in Konferenzen erlebt. Falls doch mal einer zart nachhakt und man selbst keine vernünftige Antwort parat hat, dann hilft die „Methode Schrotschuss“, die auch bei Schülern in Prüfungssituationen äußerst beliebt ist. Möglichst viel abfeuern, irgendein Projektil wird schon treffen.

          Das Ganze sollte freilich etwas gefälliger klingen als zu Schulzeiten. Profitipp: Regelmäßig Schlüsselwörter wie Struktur, System – oder eben Prozesse – einflechten. Das lullt jeden Zuhörer ein und vernebelt das Denken.

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