https://www.faz.net/-gyl-9eh8p

Kolumne „Nine to five“ : Jagdszenen aus Niederbayern

Sportliches Verhalten? Fehlanzeige. Auf dem Tennisplatz tragen Eltern ihre Konflikte aus. Bild: ddp

Von keifenden Müttern und pöbelnden Vätern: Wenn der Tennisplatz zum Bootcamp fürs Büro wird.

          „Paul, den machste kalt!“ Heiß geht es her, wenn der Papa kommandiert. Paul gehorcht und sprintet von Ecke zu Ecke, wie besessen auf den Ball dreschend und Gegner Leo über den glühenden Platz scheuchend. „Kassier’ den ein, der ist schlechter als du!“ Der Tenniscourt als Kriegsschauplatz für Jugendliche. Dabei sind die Regeln streng, bei Reinplärren droht Spielabbruch. Wissend, dass kein Trainer in Sicht ist, flippen die Eltern mit Hasstiraden aus. Als Leo abermals der Aufschlag misslingt, branden Hohngelächter und Beifall auf. Die Eltern beklatschen den Fehler des Schwächeren, obgleich der ohnehin weit abgeschlagen ist.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ein Jugendturnier als Steilvorlage für Fairplay? Mitnichten. Ehrgeizlinge übertrumpfen sich und walzen Gegner rhetorisch nieder. Sie sind Naturtalente im „Winning Dirty“, darin, mit schmutzigen Tricks und Täuschungen den anderen zu verunsichern, ihm Verliererprognosen vorzuhalten, Fehler zu unterstellen, wendig zu lügen – je nachdem, was fürs eigene Kind gerade von Vorteil ist, war der Ball mal vor, mal hinter der Linie.

          Beileibe geht es hier nicht um Fitness oder Freude, sondern ums Bootcamp fürs Büro. Papa feuert an: „Ich sag’s dir, Paul. Durchsetzen ist alles, das erlebe ich jeden Tag in der Firma.“ Mutti keift: „Lass dir nichts gefallen, du bist der Chef auf dem Platz, dafür reicht es bei Leo nicht.“ Das moralisch-miese Amateur-Match spielt sich in einer Kleinstadt im Niederbayrischen ab. Dabei geht es nicht mal um einen Pille-Palle-Pokal.

          Niederbayern ist überall. An den Rändern der Fußballfelder toben weit wüstere Kämpfe. Nicht nur der Deutsche Fußballverband pocht auf 15-Meter-Abstand zu den Zuschauern. Ballverlust wird zum Kontrollverlust. Nach subjektiver Beobachtung ticken besonders häufig mittelmäßig begabte Eltern aus: Das Kind soll den Stellvertretersieg für die Erwachsenen einfahren. Die meisten Schiedsgerichtsverfahren gibt es in den jüngsten Jahrgängen.

          Leo schlägt sich tapfer und verliert mit Würde. Mutig fasst sich der 17-Jährige ein Herz und spricht das Pöbelpaar an: „Finden Sie das ein sportliches Verhalten, meine Fehler zu beklatschen?“ Endlich wachen die dösenden Zaungäste auf, einige applaudieren ihm. Ein älterer Herr löst sich aus der Gruppe und reicht dem Geschlagenen seine Karte: „Unerschrockene Typen mit Respekt vor dem Gegner, das gefällt mir. Solche Praktikanten suchen wir. Melde dich mal.“

          Weitere Themen

          Mehr Männer in die Kitas!

          Fachkräftemangel : Mehr Männer in die Kitas!

          In vielen Berufen wird über Frauenquoten diskutiert – bei Erziehern herrscht dagegen Männermangel. Neue Statistiken zeigen: Männer als Tagesväter oder Kita-Personal sind noch immer höchst selten. Das hat Folgen.

          Ein Fach namens Herausforderung

          Schule : Ein Fach namens Herausforderung

          Viele Schulen schicken ihre Schüler auf Reisen, zum Ausdauersport oder ins Theater, um sie zu stärken – das bringe mehr, als wochenlang Mathe zu büffeln. Wirklich?

          Topmeldungen

          Der technische Fortschritt löst auch Ängste aus

          Weltwirtschaftsforum : Die breiten Massen bleiben zurück

          Gesellschaften driften auseinander: Während in informierteren Schichten Optimismus herrscht, sind andere systemkritischer und skeptischer denn je, zeigt eine neue Studie. Auch in Deutschland.
          Starker Rückhalt: Andreas Wolff im Tor der Deutschen.

          Handball-WM : Deutschlands hart erarbeitetes Halbfinal-Glück

          Das Duell mit Kroatien ist Handball hardcore. Mit Leidenschaft und Teamwork gewinnen die Deutschen ein Drama und stehen im WM-Halbfinale. Doch eine schwere Verletzung trübt die Freude.

          Brexit-Kommentar : Mays Plan B ist Plan A

          Bei keiner wichtigen Frage änderte Premierministerin May ihre Haltung. Sie will nun wieder reden – mit den Abgeordneten und der EU. Dass es jetzt schnell gehen muss, kann sogar ein Vorteil sein.

          Personalie Patzelt : Zwischen den Fronten

          Werner Patzelt soll der sächsischen CDU helfen, ihr Wahlprogramm auszuarbeiten. Seit das feststeht, ist um ihn eine Kontroverse entbrannt – die auch alte Konflikte mit der TU Dresden wieder befeuert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.